Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 18. Dezember 2017

Ausgabe vom 16. Oktober 2012

Das neue Grass Haus

Innovative Literaturausstellung - viel Lob und Zuspruch anlässlich der Eröffnung

Am vergangenen Sonntag feierte Günter Grass im Günter Grass-Haus in der Glockengießerstraße seinen 85. Geburtstag, zugleich wurde das zehnjährige Bestehen des Hauses gefeiert - und die Eröffnung der neuen Sammlungsausstellung. Zahlreiche Gäste aus Literatur, Musik und Politik waren zugegen, als der Leiter des Museums, Jörg-Philipp Thomsa, die neue Präsentation vorstellte. Titel der Schau: „Das Ungenaue genau treffen“.

In Zusammenarbeit mit der Designerin Franka Frey hat der junge Museumsleiter ein Konzept entwickelt, das einen neuen Zugang zum Werk des Literaturnobelpreisträgers ermöglicht. Thomsa: „Wir wollen dem Besucher offenlegen, vor welchen Herausforderungen wir als Wissenschaftler in einem Museum stehen. Wir veranschaulichen also das kuratorische Prinzip und zeigen auf, dass es unmöglich ist, das Grass-Werk aus sechs Jahrzehnten in unseren begrenzten Räumlichkeiten auch nur annähernd darzustellen.“

Der Besucher wird zu Beginn des Rundgangs eingeladen, sich an einem symbolischen Schreibtisch in die Rolle des Kurators zu versetzen und sich dort einen ersten Überblick über das Gesamtwerk und die zentralen Motive der Ausstellung zu verschaffen.  Er sieht eine große Regalwand mit einer Vielzahl an Exponate, die alle miteinander den „Kosmos Grass“ symbolisieren - den Autor, Maler, Bildhauer, Grafiker, den politischen und den privaten Menschen.

„Die neue Ausstellung ist ein Wurf, der vielleicht Proteste und Erstaunen, aber sicher auch Lob und Bewunderung hervorrufen wird“, erklärt Prof. Dr. Hans Wißkirchen, Leitender Direktor der Lübecker Museen, und  fügt hinzu: „Innovative Literaturausstellungen sind seit 1993, als das Buddenbrookhaus eröffnet wurde, ein Markenzeichen Lübecks. Diese Ausstellung reiht sich von daher würdig in die Reihe ihrer großen Vorgänger ein.“

Die neue Präsentation zeigt Themen, die den Autor, Bildhauer, Grafiker und Maler in seinem Leben begleiten und in seinem Werk immer wieder auftauchen: Bildende Kunst, Geschlechterverhältnisse, Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, Politisches Engagement, Skandale. Dabei kann der Besucher durch das interaktive Ausstellungskonzept selbst entscheiden, in welcher Reihenfolge und wie intensiv er sich mit den einzelnen Themen beschäftigen möchte. An einem großen Multitouch-Tisch mit digitalem Memory-Spiel finden weitgehend unbekannte und kuriose Motive ihren Platz, beispielsweise welche Rolle die Schlümpfe im Werk von Günter Grass spielen oder weshalb einst eine Ratte in seinem Kühlschrank lag. Auch das politische Wirken des Schriftstellers wird künftig stärker in den Blick gerückt. „Günter Grass polarisiert große Teile der Öffentlichkeit. Das macht ihn und sein Werk ja gerade interessant. Wir als Museum sehen es als unsere Aufgabe an, diese polarisierenden Facetten aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten“, so Jörg-Philipp Thomsa. Thematisiert werden daher beispielsweise die Debatten um „Die Blechtrommel“, „Katz und Maus“ oder „Ein weites Feld“, aber auch die heftigen Kontroversen aus der jüngeren Vergangenheit.

Darüber hinaus ermöglichen es die interaktiven Themenmodule, aktuell auf die Arbeit des Künstlers oder auf neue Forschungserkenntnisse zu reagieren. Zudem erhalten die Besucher die Möglichkeit, selbst einen Aspekt aus dem Kosmos Grass zu wählen, den sie bei ihrem nächsten Museumsbesuch beleuchtet wissen möchten.

Wer sich von der neuen Ausstellung selbst ein Bild machen möchte: Das Haus hat täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Individuelle Führungen beispielsweise für Kollegengruppen, Familien, Schulklassen etc. kann man unter der Telefonnummer 0451-1224243 buchen.

 

Das Günter Grass-Haus wurde vor zehn Jahren als Forum für Kunst und Literatur eröffnet. Der Fokus lag damals vor allem auf der Erforschung und Vermittlung von Grass’ Doppelbegabung als bildender Künstler und Autor. In zahlreichen Sonderausstellungen wurden in den vergangenen Jahren viele weitere Doppelbegabungen vorgestellt, unter ihnen Johann Wolfgang von Goethe, Hermann Hesse, Robert Gernhardt, Ernst Barlach oder jüngst Gottfried Keller.  Ein Blick in die Zukunft: Im nächsten Jahr wird es eine Ausstellung zu John Lennon geben, der nicht nur sang, sondern auch malte.

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