Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 11. Dezember 2017

Ausgabe vom 29. Januar 2013

Lübecks Baugeschichte zum Anfassen

Archäologen legen Brunnen frei. Befunde werden ins Hansemuseum integriert

Ein gefrorener Schneeteppich verhüllt derzeit die archäologischen Schätze auf dem Gelände des zukünftigen Hansemuseums. Archäologen bekommt man dort nur selten  zu Gesicht. Nur unter einer Zeltplane wird im schummerigen Licht einiger Baustrahler weiter gegraben an Lübecks Historie im Burgtorviertel.

Im Morast der Hansegeschichte steht Grabungshelfer Imants Zubovs (Foto). Der gebürtige Lette, der in Bad Schwartau lebt, hat gerade einen Flechtwerkzaun freigelegt, der wohl aus dem Mittelalter stammt. Dieses Kapitel der lübschen Stadtgeschichte, liegt in nur einem Meter Tiefe unter dem Fundament des ehemaligen Seemannsheimes.

Neben Tonscherben haben die Archäologen hier auch historische Wasserleitungen entdeckt. Die Rohre, Ronnen genannt, sehen aus wie schwarze Kästen und bestehen im Inneren aus ausgehölten Baumstämmen, die im Mittelalter einfach mit einem Deckel versehen wurden, erklärt Grabungsleiter Marc Kühlborn.

Mit seinen 20 Mitarbeitern hat der leitende Archäologe das Grabungsgelände in sieben Areale aufgeteilt. Die Flächen tragen Arbeitstitel wie „Blumenhof“, „Bunker“ oder „Seemannsheim“. Und die Namen bezeichnen Orte, an denen die Archäologen das Fenster in Lübecks Stadtgeschichte jetzt einen Spalt weit geöffnet haben. „Wir haben hier ein Archiv, in das man nur einmal hineinschauen kann und dann ist das irgendwann alles weg“, beschreibt Kühlborn die Einzigartigkeit solcher Grabungen.

Im Blumenhof, einer Fläche, die einst zum Klostergelände gehörte, haben die Forscher eine Kloake aus dem 16. Jahrhundert entdeckt, in der nördlichsten Ecke des Areals einen im Ostseeraum einmaligen Granitbrunnen. Der Brunnen sieht aus als wäre er gestern gemauert worden, so glatt und unversehrt präsentieren sich seine Wände. Auf seinen schieren Steinoberflächen befinden sich sogenannte Versatzzeichen mit denen die Quader beim Bau ausgemittelt wurden. „Das war so was wie ein Brunnen-Baukasten-System“, sagt Kühlborn beim Rundgang durch das Blumenhof-Areal. Neben der Kloake und dem Brunnen haben die Archäologen hier auch einen so genannten Laufhorizont, eine mit Holz bedeckte Lauffläche freigelegt.

Auf der anderen Seite der Blumenhofmauer, in der sechs Backsteinschichten vom Mittelalter bis zur Neuzeit verbaut worden sind liegt, unter einer weiteren Plane versteckt eine geheimnisvolle Grabungsstelle. Hinter dem ehemaligen Bunker haben die Forscher einen Scherbenhaufen mit Fehlbränden aus dem 13. und 14. Jahrhundert entdeckt. „Gut möglich, dass wir hier auch noch den Brennofen für die Keramik finden“, hofft Grabungsleiter Marc Kühlborn.Neben Funden, die noch Rätsel aufgeben, wie einer Holzbrett-Konstruktion, fasziniert Kühlborn vor allem die enorme Verdichtung der Zeiten auf dem Grabungsgelände am Burghügel. „Im Norden der Grabungsfläche, hinter dem Bunker, befanden wir uns gleich im 13. und 14. Jahrhundert. Fast auf dem selben Niveau, hinter dem Seemannsheim, haben wir Befunde des 17. und 18. Jahrhunderts, und im Blumenhof sind wir bei 5 Metern über Normalnull im 15. Jahrhundert angelangt.“ Das Besondere dieser Verdichtung resultiere aus der Bedeutung dieses Ortes. „Der Burghügel ist schon in der Jungsteinzeit besiedelt gewesen. Es ist einer der höchsten Punkte der Stadt und der einzige Landzugang zur Altstadtinsel gewesen“, so Kühlborn. Jel

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