Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Ausgabe vom 19. Februar 2013

Gründungsviertel: Keller geht auf Reisen

Eichenkeller von 1180 wird in Spezial-Containern gelagert und konserviert

Ungewohnter Anblick auf Lübecks größter archäologischer Grabungsstätte Gründerviertel: Grabungshelfer verladen braune Holzbohlen in Überseecontainer, in denen sonst Bananen verschifft werden. In Stoff gewickelt und klimatisiert gehen die Bestandteile eines Holzkellers aus dem 12. Jahrhundert, den Archäologen bereits Mitte 2012 entdeckt hatten, jetzt auf die Reise nach Brandenburg an der Havel.

Dort soll das Holz in einem in einem Pilotprojekt mit dem Fraunhofer-Institut Holzkirchen, dem Deutschen Schifffahrtsmuseum und dem Landesamt für Archäologie in Brandenburg in einem neuen Konservierungszentrum vor dem Zerfall gerettet werden.

Wie die Befunde letztendlich konserviert werden, das ist Teil des Forschungsprojektes. In sechs bis zehn Jahren, soll der Keller dann in die Hansestadt zurückkehren.

Das Pilotprojekt präsentierten Lübeck Chef-Archäologe Professor Dr. Manfred Gläser, Grabungsleiterin Ursula Radis und Restauratorin Maruchi Yoshida im Beisein von Kultursenatorin Annette Borns vor zahlreichen Medienvertretern. Maruchi Yoshida wird das Konservierungskonzept für das sensible Holz aus dem 12. Jahrhundert entwickeln. Bis die Wissenschaftler eine passende Methode gefunden haben, verbleiben die Holzobjekte in zwei klimatisierten Containern, die der Reederei-Riese Maersk gesponsort hat.

Maersk-Sprecher Rasmus Bojsen erklärte, dass es sich bei den weißen Kästen auf dem Gelände an der Fischstraße um handelsübliche Container handelt, in denen normalerweise Obst verschifft werden. In Zusammenarbeit mit Fraunhofer-Holzkirchen seien die Boxen so modifiziert worden, dass nicht nur Temperatur und Luftfeuchte reguliert werden könne, sondern auch die Zusammensetzung von Sauerstoff, Stickstoff und Kohlendioxid in der Innenraumluft.

Während Lübecks Chef-Archäologe den Holzkeller-Fund für die Medien in Zahlen kleidet - 50 Quadratmeter Fläche, 14 Kubikmeter Eichenholz, Balken-Querschnitte bis zu 40 mal 35 Zentimeter ..., balanciert Gabungshelfer Gerhard Manka ein Holzteil eines Brunnenschachtes in seinen Händen. Wie bei jedem Puzzlestück aus dem Erdboden im Gründungsviertel, erhält das Stück Nummerierungen und wird zuerst mit Kelle und Bürste vom Schmutz der Gezeiten befreit. Gläser: „Der Holzzustand ist bescheiden. Irgendwann zersetzt sich das alles zu Torf.“ Damit das nicht passiert,werden die Balken, so Archäologin Doris Mührenberg, mit Polyethylenglykol (PEG-Lösung) oder aber einer anderen Methode konserviert. Bei der Bremer Kogge, die 1972 ebenfalls mit PEG behandelt wurde und heute im Deutschen Schifffahrtsmuseum liegt, habe der Konservierungsvorgang rund 20 Jahre gedauert.

Grabungsleiterin Ursula Radis betonte: „Wir haben dieses Projekt ins Leben gerufen, um in Ruhe zu überlegen, wie wir bestmöglich diese Hölzer konservieren können.“ Wo der Eichen-Keller nach der Konservierung, in zirka sechs bis zehn Jahren wieder ausgestellt werde, sei noch noch völlig unklar, so Manfred Gläser.

Neben dem Holzkeller haben Lübecks Archäologen auch zwei Brunnen im Bereich der Kellerräume freigelegt. Grabungshelfer Peter Haensel schaufelt sich vorsichtig durch den lehmigen Boden, der den Holzkeller einst umgab. Eine Backsteintreppe führt zwischen dem Holz hinauf. „7er-Backsteinziegel. Das ist ungewöhnlich für das letzte Viertel des 12. Jahrhunderts im profanen Wohnbau“, bemerkt Grabungsleiterin Ursula Radis. Normalerweise sei diese Ziegelart nur in Sakralbauten und in öffentlichen Bauten wie dem  Dom, der Marienkirche oder beim Burgtor verbaut worden. Die Befunde im Gründungsviertel zeigten aber, dass auch in normalen Bürgerhäusern in Lübeck schon exklusives Baumaterial verwendet wurde“, so Radis.

Beeindruckend sind auch die Kosten für das Konservierungsvorhaben. Gläser spricht von einer sechsstelligen Summe, die mit Stiftungs- und Fördergeldern gestemmt werde. Lübecks Kultursenatorin Annette Borns bezeichnete das Pilotprojekt als angewandte Wissenschaft im besten Sinne.         Jel

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