Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Ausgabe vom 09. April 2013

„Ohne Überfluss gibt es keine Tafel“

Der neue Tafel-Vorsitzende Joachim Lipfert spricht über Ehrenamt und Armut

Herr Lipfert - Sie sind seit Mitte März neuer Vorsitzender der Lübecker Tafel. Wie kommt ein Studentenpastor zur Tafelarbeit?

(lacht) Indem man gefragt wird. Frau Dummler hat mich angerufen und mich gefragt, ob ich den Vorsitz übernehmen will. Das Thema Versorgung hat auch beim CVJM Tradition. Jedes Jahr gibt es am Heiligen Abend in der Großen Petersgrube eine Feier für Arme, Obdachlose und Einsame mit rund 120 Leuten, der Bischöfin und dem Möwenschiet-Chor. Da ist also schon eine Schnittstelle.

Was motiviert Sie persönlich an der Tafelarbeit?

Mir ist das unendlich wichtig, Menschen die in Not geraten sind, versorgen zu können, und ich finde es faszinierend, dass sich hier seit 17 Jahren 230 Ehrenamtliche in einem mittelständischen Betrieb engagieren.

Sind Sie jetzt neuer Chef ...?

Hier kann's gar kein Chef geben. Der Verein besteht aus vielen Vereinsvorsitzenden und jeder weiß hier, was er zu tun hat.

Welche Impulse bringen Sie in die Tafelarbeit ein?

Ich hoffe, dass wir die Tafelarbeit noch präsenter machen können und mehr Presse- und Öffentlichkeitsarbeit machen, auch mit dem Hintergedanken den Stab an Ehrenamtlichen zu verjüngen und so die Generation Ü-60 für die Tafelarbeit zu gewinnen. Wir brauchen rüstige Rentner - das sind für uns die jüngeren Leute.

Die Tafel-Idee feiert in diesem Jahr bundesweit ihr 20-jähriges Bestehen. Wird das auch in Lübeck gefeiert?

Wir wollen uns in diesem Jahr weiter mit anderen Tafeln austauschen. Ansonsten haben wir noch nichts geplant.

Bei der Bundestafel gibt es Projekte im Bereich der Kinder- und Seniorenarbeit. Gibt es vergleichbare Projekte in Lübeck?

Wir haben keine Non-Food-Projekte, sammeln aber mit dem Verein Bücherpiraten Bücherspenden. Ein Projekt aus dem CVJM ist der monatliche Café-Tisch. Das könnte ich mir auch für die Tafel vorstellen. Ansonsten beliefern wir kirchliche Kitas und freie Träger.

Wie entwickelt sich Armut in Lübeck?

Der Bedarf nach Lebensmitteln von der Tafel ist sehr groß in den Stadtteilen. Wir hätten gern noch mehr Verteilstellen. Aber mit sechs Verteilstellen kommen wir an unsere Grenzen. Mehr können wir nicht schaffen.

Die geplante Schließung der Vergabestelle in Moisling ist ein Problem ...

Der Standort Moisling ist unsicher, weil die Stadt die Räumlichkeiten im Haus der Mitte anderweitig nutzen will. Für diesen Standort suchen wir jetzt neue Räume. Bedürftige aus Buntekuh müssen derzeit in die Ausgabestelle in die Marlesgrube, weil in der Bugenhagen-Gemeinde das Haus einsturzgefährdet ist.

Wie kommen Bedürftige aus Buntekuh in die Innenstadt?

Es sind nicht alle Menschen dort mit hingekommen. Wir haben etwa 50 Leute verloren, denen entweder das Geld fehlt oder die aus gesundheitlichen Gründen nicht in die Innenstadt fahren können.

Wie viele ihrer sogenannten „Kunden" beziehen Arbeitslosengeld II?

85 Prozent der Kunden beziehen Hartz IV. Wir haben 1.800 Kunden in der Woche.

Was unternimmt die Tafel gegen Armut?

Wir bekämpfen nicht die Armut, sondern wir verteilen um. Wir lindern die Armut und verteilen das, was auf der einen Seite zu viel ist. Ohne Überfluss gäbe es die Tafel nicht.

Ihr Bundesverband fordert einen Beauftragten der Bundesregierung im Kampf gegen Armut ...

Tafelarbeit in Lübeck ist kein Kampf gegen Armut, sondern organisierte Nachbarschaftshilfe. Armut zu bekämpfen, das ist Aufgabe der Politik.

Interview: Jel

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