Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Ausgabe vom 07. Mai 2013

Stolpersteine für Siegmund und Ida Cohn

An fünf Orten in Lübeck wurden Stolpersteine für Opfer des Holocaustes verlegt

Bewegende Momente im Audienzsaal des Lübecker Rathauses: Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauer hat Angehörige von Lübecker Opfern des Holocaustes im Rathaus empfangen. Im Anschluss verlegten Akteure der Aktion Stolpersteine fünf Steine mit den Namen ermordeter Lübecker im Stadtgebiet. Der erste Gedenkstein wurde in der Wakenitzstraße 8 im Beisein von Glenn Sellick und seiner Frau sowie Angehörigen aus Dublin und Frankfurt in den Fußweg eingelassen. Der Stein erinnert an Philipp Dilloff, 79-jährig in Treblinka ermordet. Weitere Steine wurden für Betty Ohmann, Frieda Dieber, Siegmund und Ida Cohn verlegt.

Enda Herbst und ihre Tochter Marina waren zum Gedenken an Siegmund und Ida Cohn, die bis zu ihrer Deportation 1941 in der Bismarckstraße 12 lebten, aus Argentinien und Irland an die Trave gereist. Enda Herbst erinnerte sich am Rande der Veranstaltung an ihre Schwiegermutter Gerta Cohn, die mit ihrem Mann Arnold Herbst und ihren beiden Kindern nach Südamerika flüchten konnte. Den Pass mit dem hebräischen Namen ihrer Schwiegermutter, den halte sie auch heute noch in Ehren. Die Ur-Großeltern Siegmund und Ida Cohn lebten in den 1920er Jahren zunächst mit ihren beiden Kindern in der Lübecker Beckergrube. Tochter Gerta besuchte die Ernestinenschule, Sohn Siegfried die Oberschule zum Dom. Siegmund Cohn war 1919 der einzige amtliche Sachverständige für Kunst und Antiquitäten. Anfang der 1930er Jahre geriet die Familie in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Siegmund Cohn verlor 57-jährig seine amtliche Lizenz und 1935 verbot die Reichsmusikkammer seinem Sohn Siegfried musikalisch tätig zu sein. Siegmund Cohn und seine Ehefrau Ida mussten sich am 4. Dezember 1941 in der Sammelstelle St. Annen-Straße 11, einfinden. Zusammen mit neunzig weiteren Menschen wurden sie erst nach Hamburg und vor dort aus nach Riga deportiert. In Skirotova wurden sie nach kilometerlangen Märschen durch den Schnee in Scheunen zusammengetrieben. Viele tausend Menschen wurden 1942 in den Biekernieki-Wald transportiert und dort erschossen. Spätestens dabei, so schreibt Heidemarie Kugler-Weiemann in ihren Recherchen, hätten Siegmund und Ida Cohn ihr Leben verloren. Die Ur-Enkelin Marina Herbst hat nicht gedacht, dass der Besuch in Lübeck sie so sehr mitnimmt. Als Nachfahre von Siegmund und Ida Cohn im Schatten des Holocaustes zu leben, dies bedeute vor allem in der Verantwortung zu stehen: „Ich habe dafür zu kämpfen, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder passieren kann. Niemand darf jemals wieder wegen seiner Weltanschauung verfolgt werden“, sagt die 45-jährige Englischlehrerin aus Dublin. Als eine von drei Holocaust-Hinterbliebenen aus ihrer Familie werde sie immer für die Freiheit kämpfen: „Ich werde immer die Tochter eines Mannes sein, der den Holocaust überlebt hat, die Enkelin einer Frau, die geflüchtet ist und die Ur-Enkelin meiner Ur-Großeltern, die ermodet wurden.“ Die Stolpersteine, so sagt sie weiter, seien ein wahrhaftiges Memorial für Siegmund und Ida Cohn, die Menschen, die hier gelebt haben. Jel

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