Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 22. Oktober 2017

Ausgabe vom 04. Juni 2013

„Akzeptanz ist das A und O in der Pflege“

Die Altenpflegerin Kiymet Dönmez spricht über multikulturelle Herausforderungen

Frau Dönmez, die Hansestadt Lübeck will mit ihrem Konzept Leben und Wohnen im Alter den Folgen des demographischen Wandels in der Altenhilfe begegnen. Was muss getan werden, damit die erste Generation der sogenannten Gastarbeiter die bestehenden Hilfs-Angebote auch wirklich annimmt?

Ich finde, dass die Älteren, die über 70, 80 Jahre alt sind ein großes Problem haben, wenn sie dement werden. Denn Gastarbeiter haben oft nur die Muttersprache gelernt und sprechen wenig Deutsch. Und das wenige Deutsch, das einige gelernt haben, das geht häufig durch die Erkrankung verloren. Das ist ein Problem. Hier setzen wir türkischsprachige Kollegen ein und arbeiten eng mit Angehörigen zusammen.

Wie viel türkische Bewohner gibt es denn in der SeniorInneneinrichtung in der Solmitzstraße?

Momentan haben wir einen Bewohner. Aber das wird von Jahr zu Jahr steigen. Deshalb ist es wichtig, kulturelle Inhalte in die Ausbildung zu integrieren, Inhalte über Religion, Körperhygiene, Sterbebegleitung und Ernährung. Das gehört alles schon in die Altenpflegeausbildung.

Warum ist es für Angehörige Ihrer Kultur schwer Verwandte in eine Einrichtung zu geben?

Das wird von der türkischen Gesellschaft nicht gern gesehen. Die erste Generation der Gastarbeiter ist 1983/84 in die Türkei zurückgekehrt. Die Hiergebliebenen versuchen ihre Pflege ambulant zu organisieren. Dennoch glaube ich, dass interkulturelle Pflege auch in Heimen machbar ist. Wir sehen mehrere Kulturen in Senioreneinrichtungen nicht als Problem, sondern als Besonderheit. Und für mich ist es kein Problem, Menschen aus anderen Kulturellen zu pflegen. Letzten Endes geht es um Akzeptanz, das ist das A und O in der Pflege.

Was tun Sie Besonderes in der Solmitzstraße?

Wir sensibilisieren unsere Kollegen und klären über Ernährung und Körperpflege auf. Wir schaffen ein Bewusstsein für individuelle Pflege, beispielsweise wollen Bewohner mit islamischen Hintergrund mit fließendem Wasser gewaschen werden, weil sie sich sonst nicht rein fühlen.

Würden Sie selber in ein Alten- und Pflegeheim gehen?

Ja. Wenn ich nicht mehr kann. Dann würde ich das tun. Ich möchte keine Belastung für meine Kinder sein. Ich denke da ganz anders als die erste Generation der Türken in Deutschland. Meine Eltern hatten noch die Einstellung, dass ihre Kinder sie pflegen müssen, aber ich erwarte das nicht von meinen Kindern.

Hatten Sie schon mal ein Problem als türkische Pflegekraft in einem deutschen Pflegeheim?

Ich habe nur einmal erlebt, dass ein Bewohner von mir nicht gepflegt werden wollte. Das war in der Ausbildung 1997. Ich habe das Zimmer dann nicht mehr betreten und darüber war ich traurig. Im Nachhinein habe ich den Mann und seine Beweggründe sogar verstanden. Als ich ihm in einer Notsituation geholfen habe, da hat er meine Hand gedrückt und sich von Herzen bei mir entschuldigt.

Seit 2007 hat sich der Anteil der über 65-Jährigen mit Migrationshintergrund in Lübeck verdoppelt. Ende 2011 lag der Anteil bei 13,9 Prozent. Wie schlägt sich das in Kücknitz nieder?

Was wir mitbekommen ist, dass sich die Menschen erstmal in der Familie zuhause versorgen. Erst wenn es gar nicht mehr geht, dann wird der ambulante Dienst genutzt. Das wird sich aber ändern, wenn der große Familienkreis nicht mehr vorhanden ist. Deshalb werden in die Einrichtungen auch vermehrt Menschen mit Migrationshintergrund kommen.

Möchten Sie erzählen, wie es bei Ihnen persönlich ausschaut?

Unsere Mutter ist 78. Sie ist nicht pflegebedürftig und wir holen sie regelmäßig aus der Türkei zum Urlaub nach Deutschland. Meine Eltern wünschen kein Heim. Die Beiden kommen aus Anatolien, da denkt man noch traditionell und nicht wie in Istanbul, wo die Heime überfüllt sind. Aber es gibt ein Umdenken in der Türkei. Wenn ich meine Mutter jetzt dort pflege, dann kriege ich zirka 250 Euro Pflegegeld vom Staat, damit die Familien zuhause gepflegt werden und nicht in überfüllten staatlichen Heimen. Interview: Jel

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