Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 20. Oktober 2017

Ausgabe vom 23. Juli 2013

„Irgendwer braucht immer Unterstützung“

Der Sozialpädagoge Thomas Anke spricht über Schulintegrationshilfe in Eichholz

Herr Anke, die Hansestadt Lübeck will Schulintegrationshelfer nach einer zweijährigen Erprobungsphase flächendeckend einführen. Was macht eigentlich ein Schulintegrationshelfer?

Formal dürfen Schulintegrationshelfer keine pädagogischen Aufgaben übernehmen. Sie sollen zum Beispiel dafür sorgen, dass Kinder im Unterricht auf ihren Stühlen sitzen bleiben, nach vorne gucken und die Schulmaterialen bei sich haben - also nichts, was therapeutischen oder heilpädagogischen Anklang hat.

Sie koordinieren an der Grundschule Eichholz die Arbeit der Schulintegrations-Helfer. Wie viele Kollegen kümmern sich hier um die Kinder?

Insgesamt unterstützen hier neun Kollegen 20 Kinder mit Integrationsbedarf. Die Kollegen, die vormittags in den Klassen arbeiten, sind auch in der Nachmittagsbetreuung der Kinder bis 16 Uhr als Ansprechpartner für die Kinder da. Diese Kontinuität ist der große Vorteil des Lübecker Modells in der Schulintegrationshilfe.

Was ist denn so innovativ an der Schulintegrationshilfe in Lübeck?

Wir haben hier seit einem Jahr einen Mitarbeiter-Pool und können die Stunden, die wir für die Kinder bekommen, selbstständig verteilen. So kann man viel schneller auf die Bedarfe der Kinder reagieren, weil aufwändige Antrags- und Prüfverfahren entfallen und der Bereich Familienhilfen und Soziale Sicherung noch enger zusammenarbeiten.

Wie sieht denn Schulintegrationshilfe ganz praktisch aus?

Hier gab es mal ein Kind, eine so genannte „Inobhutnahme", also einen Jungen, der verwahrlost und dreckig aus der elterlichen Wohnung kam. Weil das Kind Gewalt erfahren hatte, hat der Junge einfach nicht gesprochen, er konnte sich nicht konzentrieren und er hatte auch keine Lösungsstrategie für Konflikte parat. Bei so einem Kind müssen wir zuerst die Übergriffe verhindern. Erst wenn der Integrationshelfer und das Kind sich besser kennen, gibt es für uns auch die Möglichkeit eine „Mikro-Insel", also eine kleine Lerngruppe einzurichten, in die das Kind nach und nach eingebunden wird. So verhindern wir Ausgrenzung.

Was geschieht mit diesen Kindern nach dem Wechsel an eine andere Schule?

Es ist noch nicht hundertprozentig zur Regel geworden, aber wir tauschen uns mit den Schulsozialarbeitern aus und versuchen so zu verhindern, dass die Kinder nicht als stigmatisierte Kinder an eine neue Schule kommen.

Welche Vorteile hat das Lübecker Modell?

Wir haben festgestellt, dass das Einsetzen der Hilfe, die Bewilligung wesentlich einfacher geworden sind. Ein Integrationshelfer bewegt sich jetzt für vier Stunden im Klassenverband und ist nicht mehr für ein einzelnes Kind zuständig. Das ist gut, denn irgendwer braucht immer Unterstützung. Ein Integrationshelfer bleibt dann maximal für ein Jahr in einer Klasse.

Heutzutage sprechen viele Pädagogen von Inklusion, wie verhält sich das mit Schulintegrationshelfern?

Was wäre, wenn es keine Integrationshelfer gäbe? Dann hätte man eine Klasse und ein verhaltensauffälliges Kind mit all seinen Eigenarten. Die Klasse steht dann zusammen und das Kind hat sein Päckchen zu tragen und wird isoliert. Ein Integrationshelfer hingegen, kann schauen, wie das Kind mit eingebunden wird. Kinder mit viel Power, kriegt man zum Beispiel gut dazu mit anderen am Nachmittag eine Fußballmannschaft aufzustellen. So können wir Kinder aus ihrer Isolation holen.

Was bedeutet Erfolg in Ihrer Arbeit?

Das größte Erfolgserlebnis eines Integrationshelfers ist, sich überflüssig zu machen und mit dem Gefühl aus der Klasse herauszugehen, dass das Kind das jetzt alleine packt.

Was ist Ihnen noch wichtig?

Ich finde wichtig, dass Integrationshelfer Fachkräfte sein müssen. Laienhelfer können mit verhaltensauffälligen Kindern, die eine emotionale Behinderung haben, nicht adäquat umgehen.

Interview: Jel

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