Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 20. April 2019

Ausgabe vom 06. Oktober 1998

Beim Einkaufen an die globalen Folgen denken

Ernährung im Sinne der Agenda 21 bedeutet ökologischer Landbau, Direktvermarktung und fairer Handel

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Direktvermarktung auf dem Ringstedtenhof: Landwirtin Christine Matzat; Fotos (2): C. Przywara

"Wer sich über Ernährung im Sinne der Agenda 21 Gedanken macht, muß drei wesentliche Bereiche bedenken: den ökologischen Landbau, die regionale Vermarktung von Produkten sowie fairer Handel", erklärt Horst Hesse vom Info-Zentrum "Eine Welt" in Lübeck. Dies seien lokale Aspekte mit globalen Auswirkungen - und damit müsse man sich auseinandersetzen. Hesse ist einer von vier Beratern der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Aktion "Schleswig-Holsteiner Haushalte machen mit" (siehe Kasten).

Nach einschlägigen Untersuchungen sind die Umweltbelastungen aus der Landwirtschaft sowie aus der Art und Weise der Ernährung erheblich - sie werden den Anforderungen einer "nachhaltigen Entwicklung" nicht gerecht.

So sei die Landwirtschaft für etwa 10 Prozent der deutschen Treibhausgas-emissionen verantwortlich. Weitere Belastungen würden sich ergeben durch Lachgase aus der Stickstoffdüngung, durch die Erzeugung von Methan (vor allem aus der Tierhaltung) und durch Ammoniak.

Gesunde Nahrungsmittel

Ziele einer nachhaltigen Landwirtschaft müßten demnach möglichst geschlossene Kreisläufe sein von der Düngung bis zur Fütterung; ein schonender Umgang mit Böden, Wasser, Luft und Lebensräumen von Tieren und Pflanzen; naturnahe Methoden der Landbewirtschaftung und der Tierhaltung, also möglichst artgerechte Tierhaltung und betriebseigene Futtermittel sowie Verzicht auf mineralische Stickstoffdüngung und synthetische Pflanzenschutzmittel. Erreicht werden soll damit die regionale Versorgung der Bevölkerung mit gesunden Nahrungsmitteln ("Direktvermarktung").

Nach Überzeugung der Kommission "Schutz der Erdatmosphäre" des Deutschen Bundestages würden durch die Umstellung auf ökologischen Landbau gut 50 Prozent der Treibhausgase eingespart - die wiederum rund fünf Prozent der Gesamtemissionen in Deutschland ausmachen.

Neben dieser Umstellung gehört auch die Umstellung des eigenen Lebensstils zur nachhaltigen, zukunftsfähigen Entwicklung. In einer Informationsschrift des Dritte Welt Hauses Bielefeld sind die ökologischen Auswirkungen einer veränderten Ernährung erheblich - mit positiven Folgen für die Gesundheit.

Vorgeschlagen wird vor allem der Verzicht auf zuviel tierische Produkte (siehe Artikel "Umdenken beim Konsum"). So hätte die Halbierung des Anteils tierischer Produkte in der Nahrung erhebliche Strukturveränderungen in der Landwirtschaft zur Folge.

Der überlegte Verzehr von Produkten hilft aber nicht nur Wohnort. Am Beispiel Orangensaft zeigen die Bielefelder auf, mit welchen ökologischen Belastungen im Erzeugerland Brasilien der Anbau der Orangen verbunden ist (rund 90 Prozent des Orangensaftes und der entsprechenden Mischgetränke stammt aus Brasilien). Für jeden Liter Orangensaft müßten rund 22 Liter Wasser (Bewässerung, Waschen, Erstellen des Orangensaftkonzentrats) aufgebracht werden. Außerdem müßten für die Bewirtschaftung der Plantagen, das Sortieren und Pressen der Früchte, das Einfrieren des Konzentrats und den Transport - immerhin rund 12 000 Kilometer - umgerechnet rund 0,4 Liter Kraftstoff pro Liter Saft aufgewendet werden. Und:Für einen Liter Orangensaft muß in Brasilien gut ein Quadratmeter landwirtschaftliche Fläche bebaut werden. Das Beispiel ist auf andere Produkte und andere Länder übertragbar.

Fairer Handel nützt allen

Ein weiteres Stichwort ist der sogenannte "faire Handel". Der südamerikanische Bischof Helder Camara hat gesagt: "Wenn die Länder des Überflusses den Entwicklungsländern gerechte Preise für ihre Produkte zahlen würden, könnten sie ihre Unterstützung und ihre Hilfspläne für sich behalten." Diesen Gedanken greifen die Läden auf, die sogenannte "fair gehandelte" Produkte anbieten: für diese Produkte erhalten die Erzeuger höhere Preise als sonst auf dem Weltmarkt üblich. Die Preise orientieren sich an den Existenzbedürfnissen der Erzeuger. Übrigens erstreckt sich das Produkt-
angebot nicht nur auf Kaffee oder Tee; mittlerweile reicht das Sortiment von Bananen, Honig und Zucker über Gewürze und Schokolade bis hin zu Gebrauchsgegenständen wie Korbwaren, Schmuck oder sogar Musikinstrumenten. Daß dieser globale Handel auch lokale Auswirkungen haben kann, gibt Horst Hesse vom Lübecker Info-Zentrum zu bedenken: "Wenn den Menschen aus der sogenannten Dritten Welt die wirtschaftliche Basis entzogen wird, braucht man sich über die Fluchtbewegungen nicht zu wundern".

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