Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. April 2019

Ausgabe vom 06. Oktober 1998

GeistReich

Bahnhofstreppe

0450401.gif
Mit und von Jonas Geist

Der Lübecker Bahnhof schläft noch. Innerlich eine Übertragung des Heiligen-Geist-Hospitals auf einen Verkehrsbau, äußerlich eine Anhäufung von Zitaten aus der niederländischen Renaissance, die in der Gründerzeit entstanden sind, gleich nach dem Sieg über den zum Erbfeind hochstilisierten Franzosen, von denen die Deutschen immer wieder und immer noch bis hinein in die Länge der Mittagspause oder der Salatsauce so viel lernen können. Denn sowohl Villa wie Mietshaus bekommen ein Formenkleid aus Haustein (Süd) und Backstein (Nord), aus denen die vereinigten Niederlande eine unheimlich brauchbare Architektur entwickelt haben, die in den drei Hansestädten das Stadtbild mit prägen.

Der Bahnhof als Mittler zwischen Innen und Außen -gewissermaßen die öffentlichen vier Wände, von denen alle träumen sollen, um so restlos in die Hände der Banken zu fallen, deren Macht zu beschneiden ein Geburtsfehler der BRD war - ist nicht wirklich geheizt, aber doch zum vorübergehenden Aufenthalt geeignet.

Früher, als ich noch Kind war und Hafen/Schiff und Eisenbahn/Lokomotive schnell zum Interessenschwerpunkt avancierten, waren die Pendeltüren zu den Bahnsteigen noch in Funktion, heute sind sie festgehakt, so daß die Treppe ihre Funktion als ganzes Treppenhaus abgeben mußte und nur noch Treppe ist, die die Differenz zwischen Perron und Sammler vermittelt.

Wie oft wurde man - oder wurde man nicht - oben abgeholt, wo immer Gedränge war: Waren es die Eltern oder die Freunde? Dort fand der Abschied oder die freudige Begrüßung statt.

Jedesmal, wenn ich die von Tauben vollgeschissenen Stufen aus gerillten Eichenschwellen hochgehe, sehe ich sie dort stehen und erinnere den Augenblick freudigen Wiedersehens.

Keine Menschen mehr, die in den Hamburger Hafen fahren wollen, um als Schauerleute Arbeit zu finden. Schon lange keine mehr, die in die benachbarte Großstadt fuhren, um auszuwandern - an sie erinnern Namen woanders. Und sicher mußten über diese Treppe auch die, für die es kein Zurück mehr gab, die Soldaten, die Kriegsgefangenen, die Deportierten - an die nichts erinnert, höchstens ein Gesicht auf einem Plakat der Geschichtswerkstatt in Kücknitz - eine Zwangsarbeiterin aus dem Dritten Reich -, das einen verfolgt.

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de