Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 20. August 2019

Ausgabe vom 13. Oktober 1998

Zuflucht für Töchter

Wechselvolle Geschichte der Klosteranlage

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Kircheninneres bis 1875; Foto: St. Annen

1502 kauften reiche Bürger der Hansestadt die Grundstücke an der ehemaligen Ritterstraße auf, um dort, am Vorabend der Reformation, ein Kloster als Zuflucht für ihre unverheirateten Töchter zu bauen. 1515 erfolgte die Gründung der Klosteranlage im spätgotischen Stil, die von Augustinerinnen bis 1542 übernommen und mit dem Auszug der letzten drei Nonnen aufgelöst wurde.

Gleichzeitig mit dem Kloster wurde der Bau der St. Annen-Klosterkirche begonnen. 1502 erfolgten die Errichtung der Nordwestfassade und einer provisorischen Holzkirche im mittleren Teil des späteren Mittelschiffes. 1508 wurde der Chorbau vollendet, 1515 war der Rohbau fertig. Der Kirchenbau bestand aus einer spätgotischen, dreischiffigen Stufenhalle mit fünf bogenförmigen Seitenjochen und einem einschiffigen Chor mit Sternengewölbe.

Ein Querhaus fehlte. Die Kirchenschiffe waren durch jeweils vier achtseitige Pfeiler getrennt. Die beiden östlichen Joche bildeten den Vorchor und waren durch niedrigere Scheidbögen und einem nicht mehr vorhandenen Lettnerbogen ausgegrenzt.

Zwischen Chor und Langhaus befand sich ein alles überragender Treppengiebel, eine ungewöhnliche Gestaltung für eine Lübecker Kirche. Eine weitere architektonische Besonderheit ist die im nördlichen Fassadenturm erhaltene doppelläufige Wendeltreppe.

Nach Räumung des Klosters diente die Kirche profanen Zwecken. Sie wurde als Warenlager genutzt, später auch als Unterkunft für die Armen und Bettler. Erst ab 1601 wurde im hinteren Bereich, östlich des Lettners, der Gottesdienst wieder ermöglicht. Die angrenzende Klosteranlage diente sozialen Zwecken: als Kinderpflegeanstalt, Armenhaus, Waisenhaus, Hospital und Arbeitshaus.

1843 brannten das Obergeschoß des Klosters und die Klosterkirche aus, 1875 wurde die Kirchenruine bis auf die Umfassungsmauern und einige wenige Reste abgetragen. Seit 1915 dienen die Säle des ehemaligen Klosters der Einrichtung des heutigen Museums für Kunst und Kulturgeschichte.

Im südlichen Seitenschiff der Kirche befindet sich das Entreé zum Museum; das Mittelschiff und der Chor sind unbebaut geblieben.

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