Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 19. April 2019

Ausgabe vom 01. Dezember 1998

GeistReich

Koberg auf Hochglanz

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Mit und von Jonas Geist

Mein Platz ist jetzt aus dem städtischen Kosmetiksalon wieder aufgetaucht -mein Platz, bei dessen Neugestaltung ich sogar Preisrichter sein durfte und mir dabei den Unwillen des damaligen Bausenators zugezogen hatte, weil ich nicht auf sein Pferd gesetzt hatte.

Jetzt ist er fertig der Platz, an dem mein Schulweg vorbeiführte. Fix und fertig? Hat die riesige Anstrengung was gebracht?Oder ist er genauso tüffelig wie vorher? Nein. Scheinbar liegt es an etwas ganz anderem, daß alle Anstrengungen umsonst waren.

Kopfschüttelnd nehmen die Einwohner das Ergebnis zur Kenntnis - und die Ortsfremden stehen wie gehabt vor der betäubenden Fassade des Heiligen Geist Hospitals.

Was sich offensichtlich verloren hat, ist der Umgang mit der Leere, die Stille erzeugen kann, mitten im Verkehr. Auf diesem Platz gibt es keinen ruhigen Augenblick, wo sich nur noch der Mensch und sonst nichts bewegt.

Die normale Strategie dieses Jahrhunderts heißt: auslagern oder zum Verschwinden bringen, ausgrenzen . Wie wäre es mit dem Gegenteil: eingemeinden, einbinden, aufnehmen? Merkwürdig: Je mehr ins Zentrum investiert wird, je mehr touristische Verwertungsansprüche es zu erfüllen hat, desto peripher wird es, verliert sich seine alltägliche Qualität - und man muß immer weiter weg reisen, um das noch zu finden, woran man sich erinnert, was man eigentlich sucht: selbstverständliche Urbanität, öffentliches Leben, das man nicht selbst herstellen muß.

Die gesellschaftliche Experimentierfreudigkeit der Kommunen kollidiert mit dem immer dicker aufgetragenen Anspruch im Rahmen des Weltkulturerbes - eine entschieden zu fest sitzende Hose ohne Schlitz.

Zwei Vorschläge hatte ich schon 1995 gemacht. Der erste Gedanke war, doch eine umlaufende Bank um den Platz zu ziehen mit dem vol-len Risiko, daß dort zu viele und vielleicht sogar Unberufene Platz nehmen würden - sich aber gegenseitig sehen könnten, was eine erzieherische Komponente hat.

Der zweite Gedanke war, den Platzraum zu einem städtischen Aeropag heranwachsen zu lassen, daß heißt, ihn freizuhalten und ihn Stück für Stück zu besetzen mit Figuren, die sich um die Stadt verdient gemacht haben, so daß aus dem Koberg ein begehbares Schulbuch werden würde.

Mit diesen beiden gedanklichen Ansätzen würde ich gerne einen zweiten Anlauf nehmen, denn so wie es geworden ist, ist es zu wenig: Das ist weder ein Kuhberg noch ein Kaufberg - da fehlt das Risiko.

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