Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 19. April 2019

Ausgabe vom 01. Dezember 1998

Tarife beschleunigen Fahrgastschwund

Zu "Ausschuß ist gegen Zonentarif". SZ vom 24. November

Die angestrebte Preis-Leistungs-Gerechtigkeit dürfte mit dem vorgeschlagenen Tarifsystem kaum besser erreicht werden als mit den derzeit gültigen.

Wegen des geplanten Wegfalls des Kurzstreckentarifs wird eine Fahrt zum Beispiel von Tremser Teich nach Tremskamp (eine Haltestelle) ebensoviel kosten wie eine Fahrt von Tremser Teich nach Blankensee oder Moorgarten und ein Drittel mehr als eine Fahrt nach Genin - sicher kein Muster für einen entfernungsgerechten Preis.

Die vorgeschlagene Punktekarte weist in der vorgestellten Form den Nachteil auf, daß in der Preisstufe zwei die Zahl von 60 Punkten nicht ohne Rest durch die vorgesehene Belastung von acht Punkten je Fahrt teilbar ist.

Der Fahrgast, der nur diese Preisstufe benötigt, behält eine halbe Fahrt übrig beziehungsweise muß mit zwei Karten hantieren.

Der Umgang mit solchen Punktekarten, auf denen je nach Fahrtziel unterschiedlich lange Abschnitte entwertet werden müssen, ist vor allem für ältere und für sehbehinderte Menschen mühsam und fehleranfällig.

Wenn außerdem diese Punktekarten nicht mehr von den Fahrern verkauft werden sollen, müßten entweder eine große Zahl von Haltestellen oder die Fahrzeuge selbst mit Fahrkartenautomaten ausgestattet werden, damit das Angebot weiterhin für die Fahrgäste attraktiv bleibt.

Die vorgeschlagenen neuen Tarife stellen teilweise eine ganz erhebliche Preiserhöhung dar.

Ob angesichts dieser Preissteigerungen eine gleichbleibende Zahl von Monats- und Jahreskarten abgesetzt werden kann, wie es vorausgesetzt wird, erscheint eher zweifelhaft.

Wenn schon bei stabilen Preisen im vergangenen Jahr ein leichter Rückgang der Fahrgastzahlen eingetreten ist, so muß bei der Einführung der vorgeschlagenen Tarife ein beschleunigter Fahrgastschwund (mit entsprechender Zunahme des motorisierten Individualverkehrs) befürchtet werden.

Das würde im Widerspruch zu allen Zielen der Agenda 21 und zum Ziel einer Verkehrsentlastung stehen. Bis zur Einführung eines echten Verkehrsverbundes für die Region Lübeck wäre daher nach unserer Ansicht die Beibehaltung der jetzigen Tarifstruktur, notfalls verbunden mit einer maßvollen Preisanpassung, vorzuziehen.

Mindestens aber müßte wegen des Preissprungs an den Tarifzonengrenzen weiterhin eine Kurzstreckenfahrkarte angeboten werden.

Hans J. Willenberg,
Pro Bahn, Lübeck

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