Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 20. August 2019

Ausgabe vom 15. Dezember 1998

Auf der schwierigen Suche nach einem Leitbild

Bis zum Mai 2000 soll eine Vorlage für die Bürgerschaft erarbeitet sein - Unstimmigkeit schon im Vorfeld

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Ein Leitbild für die Hansestadt: Quo vadis, Lubeca?; Archivfoto: M. Erz

Von "Aufbruchstimmung" ist die Rede und von "Zukunftschancen", wenn vom Leitbild für die Hansestadt Lübeck gesprochen wird. 1995 faßte die Bürgerschaft den Beschluß, der Charta von Aalborg beizutreten. Diese wurde am 12.9.95 vom Bürgermeister unterzeichnet. Damit verpflichtete sich die Hansestadt Lübeck zur Aufstellung "eines Leitbildes für eine zukunftsbeständige Kommune unter Beteiligung aller Bereiche der örtlichen Gemeinschaft" und " eines langfristigen Handlungsprogrammes für Zukunftsbeständigkeit einschließlich meßbarer Ziele". Bis zum Mai 2000 soll eine Vorlage für die Bürgerschaft erarbeitet sein, die dieses Leitbild definiert. Was aber verbirgt sich hinter diesem Begriff eigentlich?

Ein Leitbild soll Zielvorgaben machen für wichtige thematische und
räumliche Schwerpunktbereiche. Mit anderen Worten: Auf der Basis einer breiten Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt sollen Ziele für eine lebenswerte Stadt erarbeitet werden. Ein Beispiel aus Amerika: Eine Stadt hatte als ein Ziel festgelegt, daß in einem, die Stadt tangierenden Fluß wieder Lachse angesiedelt werden sollen. Hinter diesem - zunächst einfach klingenden - Ziel verbergen sich eine Reihe von Maßnahmen, angefangen von baulichen Veränderungen bis hin zum Umleiten von Abwässern.

Möglichst hohe Beteiligung

Jede Stadt oder jede Gemeinde setzt sich dabei eigene Ziele, damit daraus ein unverwechselbares Leitbild entsteht. Um die selbstgesteckten Ziele zu erreichen, wird ein Handlungsprogramm aufgestellt sowie ein Umsetzungsplan, der zeitliche Vorgaben enthält. Die Durchführung von Handlungsprogramm und Umsetzungsplan sowie die Erreichung des oder der Ziele wird überwacht. Die Zielvorgaben und das Handlungsprogramm können auf dieser Grundlage fortgeschrieben werden.

In der Hansestadt Lübeck soll unter Anleitung eines Moderators (siehe unten) ein stadtübergreifender Diskussionsprozeß entstehen, um eine möglichst breite Beteiligung und Akzeptanz des Leitbildes zu erreichen. Angesprochen werden Vertreter der Wirtschaft, der sozialen und ökologischen Gruppen, der Wissenschaft und Forschung, beteiligen sollen sich aber auch die Bürgerinnen und Bürger, die sich keiner der genannten Gruppierungen zugehörig fühlen.

Die an dem Prozeß Beteiligten sollen durch die Unterzeichnung einer Kooperationsvereinbarung die gemeinsam erarbeiteten Vorgaben anerkennen. Der angestrebte Bürgerschaftsbeschluß und die Einarbeitung der Leitbild-Vorgaben in die verschiedenen Programme und Pläne binden die Verwaltung, aber auch die verschiedenen Interessengruppen.

Nach den Vorstellungen der Organisatoren wird sich vermutlich bis Ende März 1999 eine Lenkungsgruppe gefunden haben, die aus nur wenigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bestehen wird, damit effektiv gearbeitet werden kann.

Die Lenkungsgruppe entscheidet in Abstimmung mit dem Moderator bei allen Fragen der Strukturierung und Steuerung des Leitbilderarbeitungsprozesses. Dazu zählt auch die Strukturierung der Arbeit von themenbezogenen Arbeitskreisen und deren personeller Besetzung. In diesen Arbeitskreisen insbesondere ist die Beteiligung möglichst vieler Interessengruppen der Stadt vorgesehen.

Bereits die Auswahl des Moderators am Freitag, 20. November, wurde Vertretern der genannten Interessenvertretungen überlassen. Im Rathaus der Hansestadt stellten insgesamt vier Büros ihre Ideen für eine Leitbild-Moderation vor. Dr. Frank Claus vom Institut Kommunikation & Umweltplanung (iku) aus Dortmund erhielt schließlich den "Zuschlag". Das Ergebnis sei eindeutig gewesen, berichtet Claus Strätz vom Zentralen Controlling, der diese Veranstaltung organisiert und durchgeführt hat. "Überzeugt hat die Beteiligten der prozeßorientierte Ansatz."

Obwohl Dr. Claus die Lübecker Verhältnisse nicht unbekannt sind, wird seine Moderation nicht einfach werden. Denn bereits im Vorfeld der Leitbild-Diskussion wurden scheinbar unüberwindliche Unterschiede offenkundig: Auf Druck der Wirtschaft wurde der Leitbild-Prozeß abgekoppelt vom bereits laufenden Agenda-Prozeß. Befürchtet wurde, daß ein Leitbild dadurch ausschließlich umweltrelevante Ziele - womöglich zu Lasten der Wirtschaft - formulieren würde.

Zukunftsfähige Entwicklung

Vergessen wurde dabei allerdings, daß die Erklärung zur Agenda 21, die 1992 in Rio de Janeiro von über 180 Staaten - darunter die Bundesrepublik - unterzeichnet wurde, beileibe nicht nur Umweltaspekte beinhaltet. Leitidee des Aktionsprogramms für das 21. Jahrhundert ist vielmehr eine "nachhaltige" oder "zukunftsfähige" Entwicklung ("sustainable development"). Zukunftsfähig ist danach eine Entwicklung nur dann, wenn sie die ökologischen, sozialen und ökonomischen Grundbedürfnisse aller Menschen befriedigt, ohne die natürlichen und sozialen Lebensgrundlagen zu gefährden.

Nicht wenige der am lokalen Agenda 21-Prozeß Beteiligten sehen daher ein Leitbild als logische Folge aus dieser Erklärung - ein Leitbild allerdings, das sich in den Agenda-Prozeß einfügen muß. Also genau das, was die Wirtschaft - jedenfalls bisher - nicht möchte.

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