Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 18. April 2019

Ausgabe vom 15. Dezember 1998

Wichtig ist ihnen Rede- und Antragsrecht

Wie könnte ein frauenpolitischer Beirat arbeiten? - Frauenbeauftragte nehmen Stellung

In der ersten Bürgerschaftssitzung im Jahr 1999 wird das Frauenbüro der Hansestadt Lübeck Konzepte für einen frauenpolitischen Beirat vorlegen. Die Bürgerschaft wird dann entscheiden, ob und in welcher Form ein Frauenbeirat eingerichtet wird. Wie könnte ein Frauenbeirat arbeiten und welche Ziele könnte er verfolgen?

Der Ostholsteiner Frauenbeirat etwa hat Rede- und Antragsrecht in den Ausschüssen und in der Bürgerschaft. "Das ist in jedem Fall auch ein Hauptpunkt für das Lübecker Modell", sind sich Elke Sasse und Gisela Heinrich einig. Damit bekäme der Frauenbeirat, ähnlich wie der Seniorenbeirat, Einblick in die Sitzungsunterlagen und könnte rechtzeitig darauf reagieren, frauenrelevante Vorschläge einbringen und damit politische Entscheidungen beeinflussen. "Im Beirat könnten Frauen arbeiten, die nicht in der Bürgerschaft, aber politisch tätig sein möchten." Denn bislang, so bemängelt das Frauenbüro, würden in der Bürgerschaft 80 bis 90 Prozent aller Reden zu "harten" Themen wie Finanzen, Bauen oder Hafen von Männern gehalten, während Frauen sich mehr auf die Themen Bildung, Soziales und Umwelt konzentrierten. "Wir haben die Hoffnung, daß sich da durch den Frauenbeirat etwas ändert", so Elke Sasse.

Die Notwendigkeit eines Frauenbeirats ist - auch von Frauenseite - umstritten, doch das beeindruckt die beiden Frauenbeauftragten kaum. "Frauenpolitik war und ist immer ein strittiges Thema gewesen. Daß es auch heute noch viele Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen gibt, wird den meisten erst bewußt, wenn sie selbst davon betroffen sind", so Elke Sasse: Wenn zum Beispiel der männliche Kollege leichter und schneller aufsteige, wenn Frauen durch eine Scheidung ein Fall für die Sozialhilfe würden oder wenn sie als Alleinerziehende einer existenzsichernden Erwerbstätigkeit mit einem Halbtagskindergartenplatz nachgehen müßten.

Das Argument, da könnten ja auch gleich die Männer einen Beirat fordern, macht ihnen keine Angst, im Gegenteil: "Wir gehen davon aus, daß Männer keinen zusätzlichen Beirat brauchen, da die Interessen von Männern ohnehin in allen politischen Gremien dominieren", meint Gisela Heinrich. "Allerdings würden wir es sehr begrüßen, wenn auch Männer sich ernsthaft mit der Gleichstellung der Geschlechter befassen würden. Denn dann würden sie zwangsläufig auf die Benachteiligung von Frauen stoßen, die es ja schließlich aufzuheben gilt." Aber sicherlich liege es beispielsweise nicht nur im Interesse der Frauen, sondern auch der Männer, Erziehungsurlaub ohne Karrierebruch und erschwerte Bedingungen bei der Rückkehr ins Berufsleben zu erreichen.

Der Vorwurf, daß sich die Hansestadt Lübeck als einzige Stadt in Schleswig-Holstein gleich zwei Frauenbeauftragte leistet und nun auch noch durch einen Beirat zusätzliche Kosten entstünden, ist für Gisela Heinrich und Elke Sasse kein überzeugendes Argument gegen den Beirat: "Wir sind mit zwei Frauenbeauftragten immer noch wesentlich preisgünstiger als das Kieler Frauenbüro, weil wir die Sachbearbeitung selbst erledigen."

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de