Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. April 2019

Ausgabe vom 26. Januar 1999

GeistReich

Der Nordische Gedanke

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Mit und von Jonas Geist

Alle Jahre wieder, wenn es duster wird draußen, gehen in Lübeck die "Nordischen Filmtage" über die lokalen Bühnen. Eine wichtige Einrichtung, aber der Titel löst bei mir immer wieder das Gleiche aus: Müßte es nicht nördliche Filmtage heißen, denn nordisch ist ein rassistischer Begriff - aber zugegeben, "nördliche Filmtage" klingt natürlich nicht.

Es hat sich also ein Begriff eingebürgert, der an die "Nordische Gesellschaft" erinnert, die in der Breiten Straße in einem alten Giebelhaus residierte und erst den "Nordischen Aufseher" herausgab, der später in "Der Norden" umbenannt wurde, um die kulturpolitischen Ziele besser zu vernebeln. Kein geringerer als Alfred Mahlau gestaltete für jedes Heft das Titelblatt und schaffte es ästhetisch, es nicht ins Völkische abgleiten zu lassen.

Jedes Jahr fanden auf dem Markt "Nordische Tage" statt, zu denen Sympathisanten aus den Ostseeanrainerstaaten geladen waren. Die Stadt versank im Fahnenschmuck und Alfred Rosenberg oder andere hielten flammende Reden. Man dachte über Grenzen hinweg, die sich im Zweiten Weltkrieg auch schnell in Richtung Norden erweiterten.

Dekliniert man nordisch, südisch, ostisch, westisch, ist man mitten drin in einem Vokabular, das sich selbst verbraucht hat im Rahmen der sich nationalsozialistisch gebenden Forschung zu überlegenem Germanentum,Brauch tum und so weiter. Bibliothek und Archiv bewahren diese Zeugnisse.

Der letzte Leiter dieser Gesellschaft hatte sich vor dem südischen Mühlentor von keinem schlechteren als Fritz Höger ein Heim bauen lassen, der mit seinem nordisch angehauchten Backstein-Expressionismus sich von den Nazis größere Aufgaben erhofft hatte, aber ausgelacht worden war, denn für die neue Hauptstadt Germaniens mußte das römische Reich die Kolossalordnungen stellen. Nun, lassen wir's dabei - oder denken wir noch mal darüber nach? Das Unbehagen will sich nicht verflüchtigen, vielleicht wäre das mit den so sympathischen Gästen aus den Ländern an Ostsee und Nordsee zu diskutieren.

Ich gehe derweilen weiter tapfer ins "Nordische Weinhaus" um Weingummi in Tüten zu holen und selbstgemachtes Pistazienmarzipan, das mir immer noch konkurrenzlos zu sein scheint.

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