Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 19. Juni 2013

Ausgabe vom 16. Februar 1999

Koslowski

Zeit

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von Michael Augustin

Als bekanntgegeben wird, daß jeder Bürger seinen Anspruch geltend machen darf, sich die komplette, auf Bahnhöfen sowie an Tram- und Bushaltestellen vergeudete Lebenszeit von Amts wegen zurückerstatten beziehungsweise gutschreiben zu lassen, beschließt auch Koslowski, aus dieser Regelung seinen Nutzen zu ziehen. Er unternimmt mehrere Anläufe, sich in die rasch wachsende Warteschlange vor der Tür der für die Anerkennung und Rückerstattung zuständigen Behörde einzureihen.

Als nach etlichen Tagen die Reihe endlich an ihm ist, und seinem Antrage auch tatsächlich Genüge getan wird, muß er feststellen, daß die rückwirkend erstattete Zeit in ihrem Umfange genau jener entspricht, die er zum Zwecke der Antragstellung in der Warteschlange verbracht hat. Ein wenig verschnupft, aber solchermaßen immerhin mit einem ausgeglichenen Zeitkonto versehen, überquert Koslowski die Straße - und wartet gelassen auf seinen Bus.

Verlust und Gewinn

Für etwa drei Monate hatte Koslowski sein Gedächtnis verloren - vermutlich, wie sich später herausstellte, während eines Umzuges. "Dies war", wie Koslowski nicht müde wird zu betonen, "alles in allem die schönste, freieste und glücklichste Zeit meines Lebens."

Das Gedächtnis wiedergefunden zu haben, erwies sich als "eine enorme Belastung", die eine Phase heftigster Depression nach sich zog. "Dennoch", so Koslowski, "wäre nichts furchtbarer, als das Gedächtnis ein zweites Mal zu verlieren, weil dadurch unweigerlich die Erinnerung an diese schönste, freieste und glücklichste Zeit ein für allemal ausgelöscht würde."

Der Weg

Einmal begab es sich, daß Koslowski, der immer seinen Weg gegangen war, nicht mehr weiter wußte. "Die Verzweiflung war groß", sagt er, "aber dann kam Gott sei Dank ein Taxi - und jetzt bin ich hier!"

Zu sich selbst

Jahrelang, sagt Koslowski, habe er versucht, den Weg zu sich selbst zu finden, dann aber unterwegs immer wieder derart interessante Leute getroffen, daß er sich jetzt ernsthaft die Frage stellen müsse, was zum Teufel er denn eigentlich bei sich selbst anfangen würde. Schließlich kenne er sich ja bereits von Geburt an, und da säße man wohl vermutlich doch nur gelangweilt miteinander herum.

Mit freundlicher Genehmigung

der Edition Temmen, Bremen

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