Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Ausgabe vom 23. Februar 1999

Der persönliche Blick wird geschärft

Der Museumspädagogische Dienst im St. Annen-Museum der Hansestadt trägt reiche Früchte

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Begeisterte Schüler bei der "Arbeit" im Museumspädagogischen Raum des St. Annen-Museums; Foto: Museum

Er blüht weitgehend im Verborgenen und trägt doch reichlich Früchte:der Museumspädagogische Dienst - oder besser: die Vermittlungsarbeit von Kunst - im St. Annen-Museum. Er beschränkt sich keineswegs auf Kinder und Jugendliche, obwohl er sich natürlich besonders an sie richtet, sondern bezieht alle Generationen ein.

Ein Beispiel: An einem Montagvormittag sitzt eine Gruppe von zehn höchst erwachsenen Damen im anheimelnd antiquierten Museumspädagogischen Raum. Die Kursusteilnehmerinnen aquarellieren ein Stilleben - "Zinnbecher mit Apfel" -, um sich künstlerisch zu erproben, vor allem aber, um dadurch den eigenen Blick auf Kunst zu schärfen. Die Leiterin des Museumspädagogischen Dienstes, Dr. Brigitte Heise,vermittelt auf diese Weise das Erkennen von Farben und Formen, von ihrem Zusammenspiel, von Schwerpunkten im Bildaufbau.

Akzeptanz ist enorm gewachsen

Seit Dr. Heise den Museumspädagogischen Dienst übernahm, ist seine Akzeptanz enorm gewachsen - im Bereich der Führungen um 500 Prozent. 1998 waren es genau 621 "personale" Führungen, weit über die Hälfte davon Schulklassen. Auf Brigitte Heise entfiel der Löwenanteil, eine junge Kunsthistorikerin (ABM-Stelle) und zwei freiberufliche Mitarbeiter unterstützten sie. Und der Bedarf wächst: Im Frühjahr kommen ein pensionierter Kunsterzieher und ein freier Graphiker hinzu.

Wichtig ist in jedem Fall die Betreuung: "Wir machen keinen puren Aktionismus, keine Museums-Rallye, denn dabei bleibt ja nichts haften", so Dr. Heise. "Und wir reden auch nicht nur, sondern wollen, daß alle, die zu uns kommen selbst entdecken lernen - vom Vorschul- bis zum Seniorenalter." Sie verhehlt nicht, daß es um Bildung geht. Das Museum sei aber "kein elitärer Musentempel", es vermittele, was die gewachsene Kultur ausmacht. Das werde heute mit dem Begriff "Hochkultur" belegt, der leider manche abschrecke, statt sie auf den unschätzbaren ideellen Wert für menschliche Existenz hinzuführen.

Führungen veranschaulichen das ebenso wie Kurse, ob solo oder Ausstellungen-begleitend. "Rund 14 000 Besucher kamen zu unserer Marzipan-Ausstellung, hundert Schulklassen waren darunter. Jede konnte anschließend Figuren mit Rohmasse in Modeln selber formen - wir haben 75 Kilo Rohmasse verbraucht!" Endlich gibt es Workshops, etwa "Schreiben wie im Mittelalter" im Rahmen der Ferienpaß-Aktion; hier arbeiten Kinder der Computerzeit mit Ruß und Tinte wie vor Jahrhunderten im
St. Annen-Kloster.

Erläuterungen, Eigenaktivität, kreative Arbeit:Das sind die Grundlagen eines modernen Museumspädagogischen Dienstes, der in Lübeck die erfolgreichste Arbeit im Land leistet. Dabei ist er preiswert:Eine Schulklasse bezahlt 40 Mark für eine Führung - Hamburg dagegen nimmt 120 Mark.

Der Museumspädagogische Dienst schlägt eine Brücke. Die Teilnehmerin eines Malkurses bekräftigt das: "Ich gucke inzwischen ganz anders, ich sehe Kunstwerke anders, ja die ganze Umwelt."

An den Museumspädagogischen Dienst kann sich jede(r) wenden, um Kunst, Kultur und Umwelt zu erfahren. Es gibt Vorschläge für Kurse ebenso wie Workshops und Führungen,Programme für Schulklassen aller Jahrgänge sowie Führungen für Erwachsene durch die Sammlungen von St. Annen-Museum und Behnhaus, Holstentor und St. Katharinen. Informationen gibt es an der Museumskasse, dienstags bis sonntags zwischen 10 bis 16 Uhr, oder unter (0451) 122 41 44).Güz

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