Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 18. August 2019

Ausgabe vom 09. März 1999

Tiefe Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Die Rechte von Kindern werden nicht selbstverständlich eingeräumt - Defizite auch in der Hansestadt

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Kinder haben Rechte - das sollen sie mit ihrem Votum bei der Kinderrechtswahl verdeutlichen; Foto: T. Wewer

Kinder haben Rechte: das Recht auf ausreichende Versorgung, eine kinderfreundliche, gesunde Umwelt und das Recht, ernst genommen zu werden. Das ist nur eine Auswahl der Ansprüche, die allen Kindern unserer Welt in der Konvention der Vereinten Nationen (UN) über die Rechte des Kindes zugebilligt werden. Aber wie sieht es mit der Umsetzung dieser Kinderrechte in deutschen Städten und Gemeinden aus?

Unicef, der Deutsche Kinderschutzbund, terre des hommes und das Deutsche Kinderhilfswerk haben bundesweit Kinderrechtswahlen ins Leben gerufen. Ziel der Aktion ist, Kinderrechte bekannt zu machen, Kindern und Jugendlichen Gehör zu verschaffen und eine öffentliche Diskussion über eine kinderfreundliche Politik anzustoßen.

Kinderrechte sind Agenda-Thema

Nun sollen auch in Lübeck die Rechte von Kindern und Jugendlichen in den Vordergrund gerückt werden. Am Montag, 15. März, 18 Uhr, will der Bereich Jugendarbeit/Jugendamt der Hansestadt gemeinsam mit dem Info-Zentrum "Eine Welt" und der lokalen terre des hommes- Gruppe im Rathaus überlegen, wie Lübecker Kinderrechtswahlen auf die Beine gestellt werden können. Weitere Interessenten sind herzlich eingeladen.

Ein Zeitrahmen steht schon fest: Die Wahlen sollen bis zum Weltkindertag am 20. September abgeschlossen sein. Dann bleibt noch Zeit bis zum 20. November, um die Ergebnisse aus allen beteiligten Städten zusammenzutragen.

Übrigens: Auch die Agenda 21 widmet Kindern und Jugendlichen ein eigenes Kapitel. Darin werden die Regierungen ausdrücklich aufgefordert, die Meinung der Jugendlichen einholen. Es liegt also auf der Hand, daß die Lübecker Kinderrechtswahlen ebenfalls für die Erarbeitung einer lokalen Agenda 21 wichtige Hinweise geben.

Zur Durchführung der Kinderrechtswahl liegen Wahlzettel bereit. Sie richten sich an Kinder und Jugendliche von 8 bis 18 Jahren und halten neben dem eigentlichen Stimmzettel jede Menge Informationen bereit.

Auf dem Stimmzettel sollen die Kinder zunächst die drei Rechte an-kreuzen, die ihrer Meinung nach in Lübeck am meisten verletzt werden. Danach werden sie aufgefordert, drei Rechte auszuwählen, die weltweit die größten Defizite aufweisen. Das soll dazu anregen, auch über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, etwa um sich für die Anliegen der Menschen in den Entwicklungsländern stark zu machen.

Geplant ist, in den letzten zwei Wochen vor den Sommerferien an möglichst vielen Stellen in der Stadt Wahlurnen aufzustellen. Doch zu jeder bedeutsamen Wahl gehört ein "Wahlkampf", um die Wahlberechtigten zu informieren und zur Stimmabgabe zu bewegen. Daher hoffen die Initiatoren, möglichst viele Lehrerinnen und Lehrer motivieren zu können, das Thema Kinderrechte im Unterricht aufzugreifen oder schulische Projekttage den Kinderrechten zu widmen. Auch Kinder- und Jugendgruppen werden gebeten, die UN-Konvention über die Rechte des Kindes mit einfallsreichen Aktionen bekannter zu machen. Das Info-Zentrum "Eine Welt", Fleischhauerstraße 32, Telefon und Fax (0451) 7 47 01 hat Materialien und Projektideen.

Manche Erwachsene werden insgeheim denken, daß die Durchführung von Kinderrechtswahlen eigentlich nur in den Entwicklungsländern angebracht ist und sich Kinder in Deutschland eher zuviel Rechte herausnehmen. Weit gefehlt. Die Hallenser Rechtsprofessorin Monika Böhm etwa meint, daß der Schutz der kindlichen Gesundheit in deutschen Städten "häufig nicht oder nur unzureichend gewährleistet" ist. Die "National Coalition" - ein Zusammenschluß von bald 100 bundesweit tätigen Organisationen - drängt seit Jahren auf die Umsetzung der Kinderrechte in Deutschland. Kritisiert wird etwa die zunehmende Armut von Heranwachsenden, die Mißachtung der Rechte behinderter Kinder, der zum Teil inhumane Umgang mit jungen AsylbewerberInnen und die mangelnde Beteiligung von Kindern an zukunftsrelevanten Entscheidungen.

Blick auf andere Länder schärfen

Mit der Wahl soll zudem der Blick deutscher Kinder und Erwachsener auf andere Länder geschärft werden. Unter dem Einfluß zunehmender Globalisierung sind die Probleme, mit denen Kinder weltweit leben müssen, durchaus mit unserem Lebensstil vernetzt. Ganz im Sinne des Leitmottos der Agenda 21 "Global denken und lokal handeln" sollen Lübecker Kinder angeregt werden, sich aktiv für weltweite soziale Gerechtigkeit einschließlich der Rechte der Kinder einzusetzen. Ansatzpunkte gibt es viele: Mangelernährung ist die Ursache für den Tod von jährlich sieben Millionen Kindern - ein Verstoß gegen das Recht auf Leben und Gesundheit. Und noch Mitte der 90er Jahre lebten fast 50 Prozent der Kinder in Rußland, Litauen, Lettland und Rumänien unter der Armutgrenze.

Es gibt weitere unzählige Beispiele die zeigen, daß die verbrieften Rechte der Kinder bei uns vor Ort und weltweit hauptsächlich in der Theorie existieren - zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft ein tiefer Graben.

Im Sommer wird sich zeigen, wie Kinder und Jugendliche hier vor Ort ihre Situation bewerten.

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