Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 18. April 2019

Ausgabe vom 09. März 1999

IM GESPRÄCH

"Kinder sind Opfer des Wohlstandsgefälles"

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Heiderose Hesse, 57, arbeitet seit 27 Jahren in der Lübecker terre des hommes-Gruppe mit. Sie unterstützt die Kinderrechtswahlen; Foto: T. Wewer

Werden in Lübeck Rechte von Kindern mißachtet?

Ja. Hier werden Kinder zum Beispiel Opfer des Wohl- standsgefälles. Ende 1996 bezogen bereits über 5000 Kinder unter 18 Jahren in Lübeck laufende Hilfe zum Lebensunterhalt - und die Tendenz ist steigend. Arbeitslosigkeit und Armut haben viele Familien ins soziale Abseits gedrängt. Die Kinder müssen mit den materiellen und psychischen Konsequenzen leben.

Wo gibt es die meisten Probleme?

Lübeck ist in den vergangenen Jahren mehrfach wegen rechtsradikaler Gewalttaten in die Schlagzeilen geraten. In unserer Stadt leben etwa 5000 Kinder ausländischer Herkunft. Viele dieser Kinder haben Angst vor Diskriminierung und Ausgrenzung. Insbesondere Kindern von Asylbewerbern wird der in den Kinderrechten geforderte angemessene Schutz und die humanitäre Hilfe oft vorenthalten. 1996 haben über 200 Kinder in Lübeck nur die begrenzten Leistungen nach dem Asyl- bewerberleistungsgesetz erhalten.

Und was ist mit den Kindern, die weder unter Armut noch unter Fremdenfeindlichkeit leiden müssen?

Neben vielen individuellen Härten, die Kinder treffen können, wird allen Kindern in gesundheitlicher Sicht viel zugemutet: Anfang der 90er Jahre zeigte ein Gutachten, daß weite Teile unserer Stadt mit Luftschadstoffen belastet sind. Den Kindern wird also die gesunde Luft zum Atmen vorenthalten.

Vor kurzem haben Sie über ein Lübecker Lärmgutachten berichtet. Ergebnis: Über 10 Prozent aller Lübecker von Lärm betroffen sind - sogar nachts. Lärm zählt also in Deutschland zu den bedeutsamsten Gesundheitsbelastungen.

Wo liegt Ihrer Meinung nach der vordringliche Ansatzpunkt für die kommunale Politik, die UN-Konvention über die Rechte des Kindes umzusetzen?

Der dramatisch steigende Autoverkehr gefährdet nicht nur durch Lärm und Abgase die Gesundheit unserer Kinder, er bedroht auch ihre Sicherheit. Im vergangenen Jahr wurden 147 Kinderunfälle im Verkehr gemeldet, davon allein 35 auf Schulwegen. Die Stadt sollte bei allen Entscheidungen glaubhaft zeigen, daß Kinder schützenswerter als Autos sind. Spielplätze zu modernisieren ist zwar gut und schön, aber um wirkliche Kinderfreundlichkeit umzusetzen, sind jedoch grundlegendere Maßnahmen nötig.

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