Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 26. Juni 2019

Ausgabe vom 02. Dezember 1997

Unentgeltlich aber nicht umsonst

Ehrenamt: Lübecker Jugendamt will eine Freiwilligenagentur gründen

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Umstritten: Nach einer Statistik von 1991 leisten Männer mehr ehrenamtliche Arbeit als Frauen

In der Realschule war er Schülersprecher, für den Jugendtreff Schlutup setzt er sich ein und dann ist er noch im Unabhängigen Lübecker Jugendrat aktiv. Jan Lindenau, gerade mal 18 Jahre alt, hat ein bewegtes Leben. Ganz nebenbei macht er noch eine Bankerlehre. Er ist einer von 12 Millionen Menschen in der Bundesrepublik, die sich regelmäßig ehrenamtlich engagieren. "Inzwischen ist es schon zu einem Fulltimejob geworden," erzählt Lindenau, der mit Begeisterung bei der Sache ist: "Man gibt etwas, aber man bekommt auch was. Ehrenamtliche Arbeit macht süchtig." Gute Aussichten für das Ehrenamt, wenn das stimmt.

Werbetrommel fürs Ehrenamt

Untersuchungen sprechen allerdings von einer rückläufigen Tendenz, vor allem im Sozialbereich. Politiker rühren deshalb fleißig die Werbetrommel fürs freiwillige Engagement: Am 5. Dezember jährt sich zum zwölften Mal der Internationale Tag der freiwilligen Helfer. Bund und Länder planen Aktionen und auch hier in Lübeck tut sich etwas. Seit zwei Jahren bereits hat Ursula Redecker vom Jugendamt Pläne in der Schublade liegen. Jetzt, glaubt sie, ist die Zeit reif. Sie will eine Freiwilligen-agentur gründen. "Die ehrenamtliche Arbeit hat sich gewandelt," so die Abteilungsleiterin. So seien auf der einen Seite die Anforderungen der Betätigungsfelder andere geworden, aber auch die Ansprüche derer, die ihre Dienste anbieten. Beides will man in der neugegründeten Agentur zueinanderbringen. Ob Handwerker Kurse geben, Senioren ihre Kenntnisse vermitteln wollen oder Jugendliche ein Betätigungsfeld suchen. Sie alle sollen, so der Wunsch von Ursula Redecker, die für sie passende Einsatzmöglichkeit finden. Schwellenangst und Anfangsschwierigkeiten will die Agentur überbrücken helfen.

Kostenlose Arbeitskräfte?

Nicht überall findet die Idee der Freiwilligkeit Anklang. Anke Kock vom Frauenhaus etwa sieht die Gefahr, daß Arbeitgeber und Politiker auf kostenlose Arbeitskräfte spekulieren. "Soziale Arbeit muß bezahlt werden." Außerdem, so Kock, leisteten vor allem Frauen ohnehin schon unbezahlte Hausarbeit. ,,Es sollen nicht diejenigen Verzicht üben, die gesellschaftlich ohnehin im Hintertreffen sind.'' Demgegenüber streicht Ursula Redecker den persönlichen Zugewinn heraus: "Man kann Menschen kennenlernen und sein Wissen erweitern. Arbeitslose können ihre Isolation durchbrechen. Ehrenamtliche Arbeit ist unentgeltlich, aber nicht umsonst," so Redecker, die für eine Umkehr im Denken plädiert. "Wir müssen wieder zurückfinden zu gegenseitiger Unterstützung. Nicht alles kann man mit Geld bezahlen. Und," fügt sie hinzu, "sollen wir uns jetzt, weil an Stellen gespart wird, nicht mehr engagieren? Das ist doch ein ,,Totschlagargument.''

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