Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 14. November 2018

Ausgabe vom 02. Dezember 1997

Mehr tröpfelnd als stetig

An der Bußtags-Wahlurne blieb immer mal wieder Zeit für einen Plausch

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"Darf ich gleich für meinen Mann mit abstimmen? Der ist leider verhindert", fragte eine Wählerin, in der Hoffnung, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können. Die Ehrenamtlichen nahmen dieses Ansinnen mit Humor, zumal die Lage in dem für den Bußtagsentscheid eingerichteten Wahllokal im ehemaligen LVA-Gebäude mehr als entspannt war.

In der Dom-Schule herrschte nur kurz nach dem Gottesdienst vermehrt Andrang, ansonsten überschlug sich die Lübecker Bevölkerung beim Bußtags-Volksentscheid nicht gerade vor Eifer. Die allgemeine Beteiligung war eher tröpfelnd als stetig. "Schleppend läuft es", so klang es dreistimmig aus den Mündern der Wahlhelfer im Burckhardt-Gymnasium. Lediglich kurz nach dem Mittagessen und nach dem Kaffeetrinken seien offensichtlich Verdauungsspaziergänge und Familienausflüge mit dem Ziel Wahlurne angesetzt worden. Im Burckhardt-Gymnasium blieb daher immer mal wieder Zeit für einen kleinen Plausch. "Warum kommen die Kinder nicht zum Wählen?" "Uschi ist krank, und Peter ist nicht da". Sonderwünschen, wie etwa dem nach einem einwandfreien Stimmzettel ohne Eselsohren kam man gelassen nach. Im ehemaligen LVA-Gebäude brannte eine Adventskerze, und die Stimmung war im Vergleich zu politischen Wahlen gemütlich: Der selbstgebastelte Lampion eines kleinen Mädchens wurde bewundert, und so ganz nebenher konnte auch noch die Weihnachtskorrespondenz erledigt werden.

Häufig wurde die Frage erörtert, wie es denn so um die Wahlbeteiligung stehe. Das Spektrum der Antworten war allerdings nicht gerade breit gefächert. Es reichte von "vielleicht reicht's ja gerade noch", bis "wir kriegen nie im Leben ein Viertel Ja-Stimmen zusammen."

Eine Wählerin im ehemaligen LVA-Gebäude war noch optimistisch. Zwar waren Mann und Sohn nicht mit von der Partie, aber "33 Prozent Wahlbeteiligung, das reicht doch", meinte sie. Wie sich später herausstellte, tat es das eben nicht. Denn als um Punkt 18 Uhr die Wahlurnen geleert werden, zeigte sich, daß zwar mehr als ein Viertel gewählt haben, aber nur knapp ein Fünftel für den arbeitsfreien Bußtag gestimmt hat. Daran konnte auch die junge Frau nichts mehr ändern, die um 17.59 Uhr atemlos ins Wahllokal stürzte, weil ihr gerade noch beim Kaffeetrinken die Sache mit dem Volksentscheid eingefallen war.

Der Leiter des Wahlamtes Heinz Meußler ist überzeugt, daß die Formulierung der Frage auf dem Stimmzettel viele potentielle Wähler vom Votieren abgehalten hat: "Eigentlich hätte sie vollständig lauten müssen: Sind Sie für den Volksentscheid und sind Sie auch bereit, dafür einen Beitrag für die Pflegeversicherung zu entrichten?"

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