Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 18. April 2019

Ausgabe vom 02. Dezember 1997

Sogar die Zauneidechse breitet sich wieder aus

Neues Leitbild beim Landschaftspflegeverein Dummersdorfer Ufer - Schäferstelle vorerst gesichert

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Im Herbst treibt Schäferin Anne Kimmel die Herde zum Nachweiden auf die Wiesen von den Bauern in der Umgebung; Fotos: C. Przywara

Überließen wir das Dummersdorfer Ufer allein der Natur, dann würden 80 Prozent der gefährdeten Arten, die jetzt dort leben, verschwinden", erklärt Matthias Braun die Beweggründe für das neue Leitbild des Landschaftspflegevereins Dummersdorfer Ufer, dessen Vorsitzender er ist. Die Vielfalt von Flora und Fauna - allein 100 Rote-Liste-Pflanzen wachsen in dem Gebiet am Dummersdorfer Ufer - hat sich durch die Kulturlandschaft mit Schaf- und Ziegenbeweidung, wie es sie bis zur Jahrhundertwende gegeben hat, entwickelt. Die Artenvielfalt des Naherholungsgebietes ist, das haben die Untersuchungen von Braun ergeben, durch reine Rinderbeweidung gefährdet. Daher hat der Verein in den vergangenen Jahren eine Heidschnuckenherde aufgebaut.

Artenreichstes Gebiet

Matthias Braun und zwei weitere Studenten der Landespflege haben jetzt alle Daten, die es über das Gebiet gibt, von den 20er Jahren bis zur Gegenwart, zusammengetragen. Ausgewertet wurden zum Beispiel eine Darstellung des Denkmalrates von Lübeck von 1932, Wasser- und Bodenuntersuchungen von damals und heute und Aufzeichnungen von Botanikern. Zwei Jahre lang trugen die Naturschützer akribisch Informationen zusammen, erstellten unter anderem Listen aller jemals dort gesichteten Pflanzen und Tiere. Es stellte sich heraus, daß das Dummersdorfer Ufer das artenreichste Flora- und Fauna-Gebiet in ganz Schleswig-Holstein ist. Interessant für den Artenschutz sind beispielsweise die Stranddistel, der Baltische Enzian an den Hängen oder die fünf Ginsterarten, bei den Tieren die Zaun-eidechse und die Sperbergrasmücke.

Die Ursache liegt in der besonderen Beschaffenheit des Gebietes: Die günstige Sonnenlage im Südosten, die ein warmes und trockenes Kleinklima verursacht, und die Süßwasserquellen spielen eine Rolle. Hinzu kommt, daß sich der sandige Boden schnell erwärmt. Außerdem ist er an den Steilhängen besonders kalkhaltig, eine günstige Bedingung für den artenreichen Halbtrockenrasen. Zudem dient die Trave Zugvögeln als Orientierung, zehntausende Wasservögel finden hier ihren Winterrastplatz. Mit der Dokumentation hat sich der Verein einen detaillierten Überblick über die Entwicklung des Gebietes in den vergangenen 70 Jahren verschafft, in den auch Hinweise, die bereits Jahrhunderte zurückliegen, aufgenommen wurden. Das wichtigste Ergebnis der Untersuchung: Das Dummersdorfer Ufer besteht zu 90 Prozent aus alter Kulturlandschaft, der Schlüssel für die Artenvielfalt liegt also in seiner Bewirtschaftung. Die Hudelandschaft (Hütelandschaft) hat ihr typisches Gesicht durch die jahrhundertealte Schaf- und Ziegenhaltung bekommen. Die wendigen Tiere klettern auch in die Steilhänge und machen sich mit großem Appetit über das für Rinder reizlose Dorngestrüpp her.

Seltene Pflanzen dunkelten aus

Nach der Umstellung auf Rinderbeweidung seit Ende der 50er Jahre machte sich in den Steilhängen Dorngestrüpp breit. Dadurch dunkelten die zierlichen bunten Trockenrasenpflanzen, die auf viel Licht angewiesen sind, aus und drohten gänzlich zu verschwinden. Während es 1927 noch 30 Hektar Trockenrasen im Traveuferbereich gab, waren es 1989 kaum mehr als zwölf Hektar. "Die Rinderstandweide hat zur Degeneration geführt", sagt Braun. "Botaniker haben dies auf einem ökologischen Kolloquium im Frühjahr bestätigt." Noch beweiden 20 Rinder eines landwirtschaftlichen Dummersdorfer Betriebes das Gelände, doch dessen Pachtvertrag läuft demnächst aus.

Herde von 400 Tieren

Vor acht Jahren kaufte der Landschaftspflegeverein zwölf Schafe, die sich inzwischen auf 400 Tiere vermehrt haben, um dieser durch reine Rinderhaltung bedingten Entwicklung entgegenzuwirken. Bislang ließ der Verein die Heidschnucken - sechs Prozent Ziegen sind auch dabei - versuchsweise auf einer Fläche von viereinhalb Hektar weiden. Inzwischen gibt es in diesem Gebiet wieder 50 Prozent der Pflanzen, die für Halbtrockenrasen typisch sind. Außerdem breitet sich die Zauneidechse, die auf der Liste der bedrohten Arten (Rote Liste) steht, wieder aus: Sie ist ein wärmebedürftiges und daher im Norden sehr seltenes Tier. Wegen dieser Erfolge sollen die Schafe in Zukunft im gesamten Naturschutzgebiet Dummersdorfer Ufer weiden. Schäfer Martin Ehlers und Schäferin Anne Kimmel, die sich die Stelle teilen, treiben die Tiere zu den Stellen, wo es Futter in Hülle und Fülle gibt und wo Gestrüpp seltene Pflanzen zu überwuchern droht.

Der Verein bewirtschaftet 12 bis 15 ha Ackerland. Deshalb gibt es Kraftfutter für die Mutterschafe, Stroh für die kältesten Wochen des Jahres im Stall und Heu zum Verfüttern. Den Stall haben Vereinsmitglieder gebaut. Zunächst kümmerten sich diese ehrenamtlich um die Tiere, doch als sich die Herde auf 400 Tiere vergrößerte, mußte ein Schäfer oder eine Schäferin herbei. Eine Stelle wurde zwei Jahre vom Arbeits-
amt durch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) finanziert. Als diese Quelle versiegte, überbrückte der Verein diese Lücke mehr schlecht als recht ein Jahr durch ehrenamtliche Schafhüterei, weitere zwei Jahre, bis Mai dieses Jahres, überstand die Schafhaltung durch einen sogenannten Lohnkostenzuschuß des Arbeitsamtes und Vereinsspenden. Bis Ende Dezember finanziert die Hansestadt Lübeck die Schäferstelle und eine weitere halbe Stelle für die biologische Leitung durch Matthias Braun.

Für das neue Jahrtausend sieht der Student Finanzierungsmöglichkeiten durch die Europäische Union (EU), die dann Landwirte als Landschaftspfleger für biologisch besonders wertvolle Gebiete einsetzen will.

Diese Einstellung, man könne das Gebiet sich selbst überlassen, hinterfrage jedoch grundsätzlich, ob Naturschutz sinnvoll sei, sagt Braun. Gehe die Artenvielfalt zurück, werde auch der Erlebniswert dieses Stückchen Heimats drastisch herabgesetzt, argumentiert er.

Der kilometerweite Blick, der sich den Erholungssuchenden von den Wanderwegen an den 25 Meter hohen Steilhängen biete, sei ohne die Schafbeweidung bald zugewachsen. "Außerdem soll laut Grundgesetz die Artenvielfalt der Natur auch für die künftigen Generationen erhalten bleiben."

Naherholungsgebiet

Für die Lübecker und Lübeckerinnen ist das Dummersdorfer Ufer in erster Linie ein Naherholungsgebiet, für den Landschaftspflegeverein hat der Naturschutz Vorrang. Inzwischen versuchen die Mitglieder, die unterschiedlichen Ansprüche an das Gebiet unter einen Hut zu bekommen: Naherholung soll soweit wie möglich zugelassen werden, ohne der Natur zu schaden. Ein Kapitel darüber, inwieweit das machbar ist, haben Matthias Braun und zwei andere Studenten der Universität Hannover ihrer Veröffentlichung über das Dummersdorfer Ufer (ein Exemplar davon gibt es in der Stadtbibliothek) gewidmet.

Rundwegenetz für Spaziergänger

So sind beispielsweise inzwischen Verordnungen, die die Lübecker unzumutbar fanden, gelockert worden: Bis 1991 waren nur 45 Hektar am Dummersdorfer Ufer vom Umweltministerium als Naturschutzgebiet ausgewiesen, dann wurde es auf 342 Hektar um die für die Vergrößerungspläne des Skandinavienkais ehemals überplanten Flächen vergrößert.

In diesem Zusammenhang wurden Uferwege teilweise völlig gesperrt, hingegen Wege, die lediglich in Sackgassen mündeten, als begehbar für Erholungsuchende ausgewiesen. Dies führte zu heftigen Protesten der Bevölkerung.

Ein runder Tisch wurde gebildet und nach Kompromissen gesucht. Inzwischen sind ohnehin schwer begehbare Wege, die aber für den Artenschutz interessant sind, gänzlich gesperrt worden. Dafür wurden die Sackgassen verlängert und zu einem Rundwegenetz für Spaziergänger erweitert.

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