Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 25. August 2019

Ausgabe vom 11. Mai 1999

Vom "doppelten Lottchen" zur Teamarbeit

Zehn Jahre Lübecker Frauenbüro -"Frau Amtsmann" ist verschwunden - Expertinnen-Netzwerk gegründet

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Die Gründerinnen des Vereins Frauenbüro: Sabine Haenitsch, Renate Gröpel, Katrin Molge, Christa Bodack, Charlotte Harnack, Christel Ziegenbein, Rosemarie Bouteiller (v. li.) sowie die ehemalige Lübecker Frauenbeauftragte und jetzige Ministerin Angelika Birk (kl. Foto); Fotos (4): N. Löwe

Zehn Jahre Lübecker Frauenbüro - objektiv gesehen ein relativ kurzer Zeitraum. Doch im Vergleich zum noch nicht einmal fünf Jahre alten Gleichstellungsgesetz des Landes Schleswig-Holstein bereits eine lange Zeit. Gegründet wurde das Lübecker Frauenbüro im Jahr 1989. Jeweils zwei gleichberechtigte Frauenbeauftragte, unterstützt von zwei Mitarbeiterinnen und vielen bezahlten und unbezahlten Expertinnen und Helferinnen, setzten sich in dieser Zeit sowohl für die Interessen der Lübecker Bürgerinnen im allgemeinen als auch für die Belange der weiblichen Verwaltungsangestellten ein. Dabei haben sie viele Themen aufgegriffen: Frauenförderung in der Verwaltung, frauenfeindliche Sprache, Gewalt gegen Frauen, Frauen-Nachttaxi, Frauen und Erwerbstätigkeit, politische Teilnahme von Frauen, Bürgerinnenbeteiligung sowie Frauen und Agenda 21. Mit zahlreichen Broschüren wie "Schwanger in Lübeck" oder "Wegweiserin für Frauen und Mädchen in Lübeck" informiert das Frauenbüro die weibliche Bevölkerung und liefert neben Tips auch nützliche Adressen.

Eigentlich schon 15 Jahre alt

Eigentlich ist das Lübecker Frauenbüro schon 15 Jahre alt. Bereits fünf Jahre vor dem Einzug in das Kanzleigebäude gründeten sieben Frauen den Verein "Frauenbüro". Durch ihre Arbeit erkannte 1989 auch die Bürgerschaft die Notwendigkeit eines Frauenbüros. Mit den Stimmen von SPD und Bündnis `90/Grünen wurde das Frauenbüro in der Stadtverwaltung verankert. Parallel dazu gründeten sich im selben Jahr vier autonome Frauenprojekte, die alle zusammen das feministische Stadtbild prägen: Der Verein "Notruf und Beratung für vergewaltigte Frauen und Mädchen, Frauen gegen Gewalt" hilft und berät Frauen und Mädchen, die Opfer von Gewalttaten geworden sind. Der Verein "BIFF - Beratung und Information für Frauen Lübeck" bietet sich als umfangreiche Beratungsstelle an. Im Zentrum von "Aranat", dem feministischen Kommunikationszentrum, stehen Frauenkultur und -bildung. Außerdem entstand das "Internationale Frauen- und Mädchenprojekt" mit dem Ziel, Migrantinnen und Flüchtlinge in Lübeck zu beraten und zu unterstützen.

Durch das Frauenbüro stieg als erster sichtbarer Erfolg der Frauenanteil bei den Amtsleitungen um 200 Prozent an, denn auf einen Schlag bekam die Hansestadt zwei Amtsleiterinnen hinzu- vorher war unter 49 Amtsleitern eine Frau. Neu war auch die Tandemleitung des neuen Amtes. "Das doppelte Lottchen", wie die beiden ersten Leiterinnen, Angelika Birk und Sabine Haenitsch, getauft wurden, ergänzten sich gut und wurden mit vereinten Kräften aktiv.

Eines der ersten großen Projekte der Frauenbeauftragten in Zusammenarbeit mit "Notruf" war die Ausstellung "FrauenAngsträume" im Winter 1989. Sie zeigte die dunklen Seiten der Stadt: das finstere Tor, das Bahnhof und Busbahnhof miteinander verbindet, sowie Brücken, Straßen oder Parkhäuser, die Frauen aus Angst zu meiden versuchen. Lübecks Frauen forderten, daß sie in der städtischen Planung bezüglich ihres Sicherheitsbedürfnisses stärker integriert werden. Ein erster großer Erfolg für das Frauenbüro, denn schließlich legte die Stadt Lübeck sogar Mindeststandards für die Ausstattung von Parkhäusern fest.

Viele weitere Durchbrüche konnte das Frauenbüro auf seinem Konto verbuchen: So wurde beispielsweise innerhalb der Stadtverwaltung eine frauenfreundliche Sprache eingeführt - "Frau Amtsmann" verschwand. Frauen wurden in die Wohnungsplanung einbezogen, dadurch wurden frauen- und kinderfreundliche Raumaufteilungen berücksichtigt. Seit 1995 existiert auf Initiative des Frauenbüros eine "Dienstanweisung der Hansestadt Lübeck zum Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz" und der Lübecker Frauenförderplan aufgrund des Gleichstellungsgesetzes trat für städtische Bedienstete in Kraft.

Heiße Diskussionen löste 1992 das Thema Frauen-Nachttaxi aus. Schlagzeilen wie "Warum dürfen Männer keine Frauen fahren?" gipfelten in der Aussage "Taxifahrer sind doch keine Vergewaltiger". Dennoch, das Frauen-Nachttaxi wurde realisiert und bildete die Grundlage für das heutige Anruf-Sammeltaxi "Asti".

1995 übergab Sabine Haenitsch ihre Aufgaben an ihre Nachfolgerin Gisela Heinrich. Auch Angelika Birk verließ 1996 die Hansestadt Richtung Kiel, um sich ihrem neuen Aufgabenfeld als Ministerin für Frauen, Jugend, Wohnungs- und Städtebau in Schleswig-Holstein zu widmen. Für sie kam im Jahr 1998 Elke Sasse.

Frauenbeirat und Agenda 21

Zwei große Themen beschäftigen die beiden Frauenbeauftragten und ihr Team zur Zeit am meisten: Zum einen die Durchsetzung des Konzept für die Einrichtung eines Frauenbeirates. Hintergrund ist der Einsatz verschiedener Lübeckerinnen für mehr Beteiligungsformen von Frauen in der Politik. Mit einem Beirat soll eine verstärkte kontinuierliche Mitsprache von Frauen an der kommunalen Planung ermöglicht werden.

Zum anderen engagieren sie sich intensiv am Agenda-Prozeß. Die Agenda 21 - in freier Übersetzung "Was zu tun ist für ein zukunftsfähiges 21. Jahrhundert" - widmet sich in einem Kapitel der Situation von Frauen (wir berichteten). Sie sollen gleichberechtigt an den Diskussionen der Lokalen Agenda auf kommunaler Ebene beteiligt werden. Um Fraueninteressen einzubringen, wurde ein Expertinnen-Netzwerk gegründet, das sich vorgenommen hat, Eckpunkte für eine Stadtentwicklung aus Frauensicht zu erarbeiten. Frauen, die sich am Expertinnen-Netzwerk beteiligen möchten, können sich unter den Rufnummer (0451) 122 1601 oder 122 16 15 informieren.

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