Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 24. Juni 2019

Ausgabe vom 18. Mai 1999

Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend - Leseprobe

Selektion, es sollte eine Selektion geben, Frauen von 15 bis 45 sollten sich zu einem Arbeitstransport melden, antreten in einer bestimmten Baracke, zu einem bestimmten Termin. Es gab welche, die konstatierten, bislang sei es immer noch schlimmer, nie besser geworden, und sich dementsprechend vor der Selektion drückten, nicht antraten. Meine Mutter war anderer Meinung. Schlimmer als hier könne es nicht werden. Die Alternative sei das Leben. Doch das Wort Selektion hatte in Auschwitz einen bösen Klang. Man konnte keineswegs sicher sein, daß es wirklich eine Selektion für ein Arbeitslager und nicht eine für die Gaskammer war. Arbeitslager war logisch, denn warum sonst die Altersgrenzen? Andererseits war Logik nicht das Grundprinzip dieser Ortschaft.

Meine Mutter hat von Anfang an im Vernichtungslager richtig reagiert. Weil sie sofort verstand, was hier gespielt wurde, hatte sie nach unserer Ankunft den Freitod für uns beide vorgeschlagen, und als ich mich weigerte, hat sie den ersten und einzigen Ausweg wahrgenommen. Doch ich meine, es war nicht die Vernunft, sondern ein tiefsitzender Verfolgungswahn, der sie so reagieren ließ. Psychologen wie Bruno Bettelheim meinen, ein ausgeglichener, vernünftiger Mensch, der nicht durch eine bürgerliche Erziehung verdorben worden ist, müßte sich an einem auschwitzartigen Ort auf die neuen Verhältnisse umstellen können. Ich denke da anders. Ich glaube, daß Zwangsneurotiker, die von Paranoia gefährdet waren, in
Auschwitz am ehesten zurechtkamen, denn sie waren dort gelandet, wo die gesellschaftliche Ordnung, oder Unordnung, ihre Wahnvorstellungen eingeholt hatte. Wer den Verstand nicht verlieren will, hat deshalb recht, weil der Verstand als die menschliche Eigenschaft schlechthin uns so lieb sein muß wie die Liebe. Doch in Auschwitz konnte die Liebe nicht retten und der Verstand auch nicht. Von daher weiß ich, daß es keine unbedingten Rettungsmittel gibt, und unter den bedingten Rettungsmitteln kann auch Paranoia sein. Meine Mutter, die sich vorher und besonders nachher noch öfters verfolgt geglaubt hat, war dieses eine Mal im Recht und hat sich ganz folgerichtig verhalten. (...)

Mit dem Rücken zum hinteren Tor der Baracke stand an beiden Seiten des "Kamins", der sich der Länge nach durch die Baracke zog, je ein SS-Mann. Vor jedem eine Schlange nackter Frauen. Der, dem ich mich stellte, hatte ein rundes, böses Maskengesicht. Er war groß, ich mußte zu ihm hoch aufschauen. Ich sagte mein Alter, er wies mich ab, mit einem Kopfschütteln, einfach so. Neben ihm stand eine Schreiberin, die sollte meine Nummer nicht aufschreiben. Abgelehnt. In seinem Kopfschütteln lag der Beweis dafür, daß ich mir mein Leben erschlichen hatte, es wie einen unerlaubten Text nicht weiter lesen sollte, wie die Bibel, die mir mein Onkel aus der Hand genommen hatte. - Kafkas Türhüter, der dem Menschen sein eigenes Licht im eigensten Raum verwehrt, stell ich mir so vor.

Meine Mutter war für den Transport gewählt worden, sie war ja das richtige Alter, eine erwachsene Frau. Ihre Nummer war aufgeschrieben worden, sie würde das Lager in Kürze verlassen. Wir standen auf der Lagerstraße und diskutierten. Sie versuchte mich zu überreden, daß ich es nochmals, in der anderen Schlange, versuchen sollte.

Im Juni 1944 war es sehr heiß, die Barackentüren, auch die hinteren, standen daher offen. Zwar war dieser hintere Eingang bewacht, aber die Wache bestand aus Häftlingen, und meine Mutter meinte, ich könne mich da wohl vorbeischlängeln und diesmal zu dem anderen SS-Mann gehen. Und diesmal bitte nicht so blöd sein zu sagen, ich sei erst zwölf. Es kam zu einem Streit zwischen ihr und mir. "Aber ich seh doch nicht älter aus", sagte ich verzweifelt. Ich hatte das Gefühl, sie wolle mich in eine große Unannehmlichkeit hineinreiten, so wie vor ein paar Jahren in
Wien, als sie mich trotz des Verbots ins Kino schickte. Der Unterschied zwischen Zwölf und Fünfzehn ist riesig für eine Zwölfjährige. Es war ein ganzes Viertel des gelebten Lebens, das ich dazuaddieren sollte. In L 414, in Theresienstadt, hatte man uns in Altersgruppen eingestuft. Sogar ein Unterschied von einem Jahr hatte dort ein anderes Zimmer, eine andere Gemeinschaft bedeutet. Was konnte wesentlicher sein? Die Lüge, die mir meine Mutter vorschlug, war so leicht zu entlarven: drei Jahre, wo sollte ich die hernehmen?

Ich hatte ausgesprochen Angst, aber es war eben nicht die tiefe Todesangst, die mich in Auschwitz beim Anblick des abwechselnd rauchenden und flammenden Kamins in Abständen wie die Anfälle einer Krankheit überfiel, sondern die erträglichere Angst vor bösartigen Erwachsenen. Und diese erträglichere Angst ließ sich überwinden. Denn was würde aus mir werden, wenn ich allein in Birkenau bleiben müßte? Also das sei einmal ausgeschlossen, beschwichtigte mich meine Mutter. Wenn ich den Versuch nicht unternehmen wolle, dann würde sie eben auch hierbleiben, sie wolle doch sehen, wer sie von ihrem Kind trennen könne. Aber eine gute Idee sei das nicht. "Hör doch endlich zu", sagte sie, ohne meinen stichhaltigen Gegenargumenten die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Und: "Feig bist du", sagte sie verächtlich, "ich war nie so feig." "Also gut, ich versuch's. Aber fünfzehn sag ich auf keinen Fall, höchstens dreizehn. Und wenn's daneben geht, ist es deine Schuld."

Zwischen den Baracken war ein Kordon, um genau das zu verhindern, was ich versuchen wollte. Wir standen und sahen aufmerksam hin. "Jetzt!", als die zwei Männer, die hier verantwortlich waren, einander gerade etwas zuriefen. Und ich sehe mich gebückt an der Barackenwand entlanglaufen. Warum gebückt? Um mich kleiner zu machen, um das bißchen Schatten auszunützen? Dann um die Ecke und von hinten unbemerkt, oder zumindest ohne verraten zu werden, eintreten.

Die Baracke war noch immer voller Menschen. Es herrschte die besondere Art von geregeltem Chaos oder chaotischer Ordnung, die für Auschwitz bezeichnend war. Die "preußische" Perfektion in der Verwaltung der KZs ist eine deutsche Legende. Gute, gründliche Organisation setzt voraus, daß es etwas Wertvolles zu organisieren oder zu bewahren gibt. Wir waren wertlos, zur Vernichtung hierhergebracht, und daher war der Verschleiß an "Menschenmaterial" unwichtig. Im Grunde war es den Nazis immer egal, was in den Judenlagern vor sich ging, solang sie ihnen keine Umstände machten. Die selektierenden SS-Männer und ihre Gehilfen standen mit dem Rücken zu mir. Ich ging schnell und unauffällig auf die vordere Tür zu, zog mich dort nochmals wie vorgeschrieben aus und stellte mich aufatmend in die Reihe des anderen SS-Manns. Ich hatte es geschafft und freute mich, gegen die Regeln verstoßen zu haben. Feig nennen konnte mich meine Mutter nicht mehr, aber ich war die kleinste und offensichtlich die jüngste in der Reihe, ein Kind, unentwickelt, unterernährt, ganz vorpubertär.

Alle Berichte, die ich über die Selektionen kenne, bestehen darauf, daß die erste Entscheidung immer endgültig war, daß kein auf die eine Seite Geschickter, und dadurch zum Tod Verdammter, je auf die andere Seite gekommen ist. Bitte, ich bin die Ausnahme.

Was nun geschah, hängt locker im Raum der Erinnerung, wie die Weltkugel vor Kopernikus' Zeit an dünner Kette vom Himmel hing. Es geschah etwas, das, so oft es geschehen mag, immer einmalig ist, ein unbegreiflicher Gnadenakt, schlichter ausgedrückt, eine gute Tat. Und doch ist Gnadenakt vielleicht richtiger, trotz oder auch wegen der religiösen Besetzung des Wortes. Zwar ging dieser Akt von einem Menschen aus, kam aber ebenso aus heiterem Himmel und war ebenso unverdient, als schwebe der Urheber über den Wolken. Dieser Mensch war eine junge Frau, in ebenso hoffnungsloser Lage wie wir alle, die nichts anderes gewollt haben kann, als einen anderen Menschen zu retten. Je genauer ich über die folgende Szene nachdenke, desto halt- und stützenloser scheint das Eigentliche daran, daß ein Mensch aus freier Entscheidung einen fremden rettet, an einem Ort, der den Selbsterhaltungstrieb bis zur Kriminalität gefördert hat. Es ist etwas Beispielloses und etwas Beispielhaftes daran. Der Simone Weil war fast die ganze Belletristik verdächtig, weil darin fast immer das Gute langweilig und das Böse interessant ist, eine genaue Umkehrung der Wirklichkeit, meinte sie. Vielleicht wissen Frauen mehr über das Gute als Männer, die es so gern trivialisieren. Simone Weil hatte recht, ich weiß es von damals, das Gute ist unvergleichlich und auch unerklärlich, weil es keine rechte Ursache hat als sich selbst und auch nichts will als sich selbst.

Mir verschwimmen alle SS-Männer zu einer uniformierten Drahtpuppe mit Stiefeln, und als Eichmann gefangengenommen und hingerichtet wurde, war es mir geradezu peinlich egal. Diese Leute waren mir ein einziges Phänomen, und die persönlichen Unterschiede unter ihnen nicht das Nachgrübeln wert. Hannah Arendt hat das Gegenstück zu Simone Weils Behauptungen über das Gute geliefert, als sie auf die schlichte Tatsache hinwies, daß das Böse im Geiste engstirniger Borniertheit begangen wird. Damit hat sie allerdings ein Wutgeheul unter den Männern ausgelöst, die ganz richtig, wenn auch nicht unbedingt bewußt, begriffen, daß eine solche Entlarvung willkürlicher Gewalt das Patriarchat in Frage stellt. Vielleicht wissen Frauen mehr über das Böse als Männer, die es so gerne dämonisieren.

Neben dem amtierenden SS-Mann, der sitzend, locker und gut gelaunt, gelegentlich eines der nackten jungen Mädchen Turnübungen vorführen ließ, vermutlich um der langweiligen Beschäftigung etwas Vergnügen abzugewinnen, stand die Schreiberin, ein Häftling. Wie alt mag sie gewesen sein, neunzehn, zwanzig? Die sah mich in der Reihe stehen als ich schon praktisch vorne war. Da verließ sie ihren Posten, und fast in Hörweite des SS-Mannes ging sie schnell auf mich zu und fragte halblaut, mit einem unvergeßlichen Lächeln ihrer unregelmäßigen Zähne: "Wie alt bist du?"

"Dreizehn."

Und sie, mich nachdrücklich mit den Augen fixierend, ganz eindringlich: "Sag, daß du fünfzehn bist."

Zwei Minuten später war ich dran, schielte noch schnell zu der anderen Reihe hin, ängstlich, der zweite SS-Mann könnte zufällig herüberschauen und mich als eine erkennen, die schon abgelehnt worden war. Der war jedoch mit seiner eigenen Arbeit beschäftigt. Fraglich ist es auch, ob er mich bei einem eventuellen Seitenblick erkannt hätte. Denn wir verschwammen ihm sicher zu einem Brei von Untermenschentum. Auf die Frage nach meinem Alter gab ich die entscheidende Antwort, die ich meiner Mutter nicht abgenommen hatte, wohl aber dieser jungen Frau, die rechts neben dem Meister aus Deutschland stand. "Fünfzehn bin ich."

"Die ist aber noch sehr klein", bemerkte der Herr über Leben und Tod, nicht unfreundlich, eher wie man Kühe und Kälber besichtigt.

Und sie, im gleichen Ton die Ware bewertend: "Aber kräftig gebaut ist sie. Die hat Muskeln in den Beinen, die kann arbeiten. Schaun Sie nur."

Da war eine, die arbeitete für diese Verwaltung und strengte sich an für mich, ohne mich überhaupt zu kennen. Dem Mann war sie vielleicht ein wenig weniger gleichgültig als ich es ihm war, und er gab nach. Sie schrieb meine Nummer auf, ich hatte eine Lebensverlängerung gewonnen.

Fast jeder Überlebende hat seinen "Zufall", das Besondere, Spezifische, das ihn oder sie unvermutet am Leben erhalten hat. Meiner hat die Besonderheit, daß sich die Fremde einmischte. Die Menschen, die heute noch die Auschwitznummer am Arm haben, sind praktisch alle älter als ich, älter zumindest um die zwei, drei Jahre, die ich mir damals zugelogen habe. Ausnahmen gibt es, vor allem die Zwillinge, an denen der Dr. Mengele seine Aftermedizin ausprobiert hat. Dann gibt es noch welche in meinem Alter, die schon an der Rampe selektiert und gleich weiterverfrachtet wurden und, weil sie mehrere Kleidungsstücke übereinander trugen, nicht als Kinder erkannt wurden. Aber die waren dann eben nur an der Rampe, haben keine Nummer, waren nicht im Lager selbst. Um von dort wegzukommen, mußte man eigentlich älter sein.

Ja, sagen die Leute leichtfertig, sie verstünden sowas recht gut, viele Menschen sind altruistisch, das war so eine. Warum wollt ihr nicht lieber mit mir staunen?

Es war nichts Gewöhnliches, es war nicht so, als ob einer, der Macht hat, sie nun blind und herrschaftlich und an einem beliebigen Objekt ausübt. Dies letztere war der Fall meines SS-Manns, der nicht unbedingt geglaubt haben wird, daß der Arbeitseinsatz eines verhungerten kleinen Mädchens (ich hatte immerhin schon 20 Monate lang nicht genug zu essen bekommen) den deutschen Endsieg erheblich vorantreiben oder die Endlösung erheblich aufhalten würde. Doch mußte er den Fall so oder so entscheiden und meine Nummer entweder aufschreiben lassen oder nicht. In diesem Augenblick paßte es ihm, auf meine eigentliche Retterin zu hören. Ich meine, seine Tat war willkürlich, ihre frei. Frei, weil man bei aller Kenntnis der Umstände das Gegenteil vorausgesagt hätte, weil ihre Entscheidung die Kette der Ursachen durchbrach. Sie war ja ein Häftling, und sie riskierte viel, wenn sie mir eine Lüge einflüsterte und sich dann für mich, die zu jung und klein für den Arbeitstransport war und die sie überhaupt nicht kannte, offen einsetzte. Sie sah mich in der Reihe stehen, ein zum Tod verurteiltes Kind, sie kam auf mich zu, sie gab mir die richtigen Worte ein, und sie hat mich verteidigt und durchgeschleust.

Die Gelegenheit zu einer freien, spontanen Tat war nirgends und nie so gegeben wie dort und damals. Ich wiederhole es, weil mir nichts Eindringlicheres einfällt als die Wiederholung. Das hab ich erlebt, die reine Tat. Hört zu und bekrittelt sie bitte nicht, sondern nehmt es auf, wie es hier steht, und merkt es euch.

Oder ihr sagt das Umgekehrte, nämlich Altruismus gibt es nicht, es gebe keine Tat, hinter der nicht der Eigennutz lauert, sei es auch nur das Bewußtsein der freien Handlung. Die im übrigen auch nur eine Illusion sei, denn wahrhafte Freiheit gebe es auch nicht. Vielleicht stimmt das sogar, und vielleicht gibt es tatsächlich nur Annäherungen an die Freiheit wie an das Gute. Vielleicht sollten wir Freiheit schlicht als das nicht Voraussagbare definieren. Denn noch nie hat jemand menschliches Benehmen ebenso berechnen können wie zum Beispiel das der Amöben. Bei Hunden, Pferden und Kühen ist es schon nicht mehr ganz leicht, aber bei Menschen kommen wir über einen gewissen Wahrscheinlichkeitsgrad nicht hinaus. Menschen entscheiden im letzten Moment, darum ist der letzte Moment, der die Handlung auslöst, nicht zu berechnen. Auch wenn man alles über einen Menschen wüßte, was es zu wissen gibt, und es im erdenklich komplexesten Computer speicherte, so wäre das Zwischenspiel, das ich beschrieben habe, noch immer nicht vorauszusagen gewesen. Daß da eine war, die ich nicht kannte, die ich nie wiedersah, die mich retten wollte, nur so, und der es auch gelang.

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