Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 19. April 2019

Ausgabe vom 18. Mai 1999

"Pferdefuß nicht verschweigen"

Schüler-Dokumentation zum Waldsterben an Lübecker Schulen übergeben

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Günter Grass im Gespräch mit Holstentor-Realschulleiter Andreas Benckert (li.) und Dr. Wolfram Eckloff (re.), Museum für Natur und Umwelt; Foto: C. Przywara

"Wir müssen improvisieren", erklärte Kultursenator Ulrich Meyenborg den Zuschauern in der Holstentor-Realschule, die am Montag erwartungsfroh der geplanten Übergabe der Dokumentation "Der Wald ist selber schuld" entgegenblickten. Doch die Jugendlichen von der offenen Schule Waldau aus Kassel, die diese einem Vertreter des Bildungsministeriums überreichen wollten, steckten mit ihrem Bus in einem Stau auf der Autobahn und versäumten die Veranstaltung. Schriftsteller Günter Grass kommentierte: "Sehr passend zum Thema Waldsterben." Grass hatte einen Text zur Dokumentation beigesteuert, den er dem Publikum vortrug.

Einige Exemplare der Dokumentation befanden sich bereits im Umlauf, so daß Jochen Jacobsen, Ministerialdirigent im Bildungsministerium, ein Buch symbolisch als Vertreter des Landes Schleswig-Holstein an den Leiter der Holstentor-Realschule Andreas Benckert weitergeben konnte.

Drei Klassensätze der mehrfach ausgezeichneten Arbeit zum Thema Waldsterben bekommt die Hansestadt. Zunächst werden sie in achten Klassen der Holstentor-Realschule, des Katharineums und der Geschwister-Prenski-Schule gelesen. Meyenborg betonte, wie sinnvoll es sei, daß die Bücher auf diese Weise als Katalysatoren wirkten.

Jacobsen bezeichnete das Buch als gelungenes Nachschlagewerk für Schülerinnen und Schüler. Es biete Pro-
jektanregungen und provoziere geradezu, sich mit dem Thema Wald auseinanderzusetzen. Mehr als zehn Jahre haben Jugendliche der Offenen Schule Waldau Interviews, wissenschaftliche Beiträge und politische Meinungen gesammelt und in Zusammenarbeit mit der "Jugend im BUND" als Buch herausgegeben. Enthalten sind Texte unter anderem von Grass, Joseph Beuys, Joschka Fischer, Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker. Grass, der zeitweilig im Erzgebirge zeichnerisch das Waldsterben dokumentierte, hat eins seiner Bilder mit dem ironische Titel "Der Wald ist selber schuld" versehen, den die Jugendlichen für ihre Dokumentation übernahmen.

Grass beantwortete im Anschluß an den offiziellen Teil Fragen, die überwiegend die Achtkläßler im Publikum stellten. Sie wollten zum Beispiel wissen, welchen Bezug Grass zum Waldsterben habe. Dieser erklärte, er sei dem Wald schon in früher Jugend verbunden gewesen. Daher sei ihm das Waldsterben relativ früh aufgefallen, "und auch das Gequatsche und die Untätigkeit darüber". Er mahnte: "Die schleichende Zerstörung geht weiter." Auch wenn es kleine Erfolge gebe, dürfe dieser Pferdefuß nicht verschwiegen werden. Die Lehrer rief er dazu auf, Schülern Kritikfähigkeit als Instrumentarium des Widerstands zu vermitteln.

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