Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 22. August 2019

Ausgabe vom 01. Juni 1999

GeistReich

Lübeck ist offen

0770402.gif
Mit und von Jonas Geist

"Lübeck ist offen" stand es groß angeschlagen auf dem Lindenteller, auf improvisierten Gerüsten und gerahmt von winterharten Stiefmütterchen - man traute seinen Augen nicht und fragte sich, was diese klassische Vorgartenblume hier zu suchen hat.

Die Großprojektion muß man sich im Munde zergehen lassen: das Holstentor, der genialische Kringel, der die Altstadt symbolisieren soll und der rote Pfeil, der stadteinwärts durchs Tor pfeift und auf das lokale Arcanum zeigt, womit nur Markt und Rathaus gemeint sein kann, von dem alle Initiative ausgeht.

Fragt man nun, für wen Lübeck offen ist, werden Andeutungen zu Rätseln. Ist es der Fremde, der Unkundige aus dem Holsteinischen oder neuerdings aus dem Mecklenburgischen, oder der Andere, der anders ist als der Lübecker, den es zu integrieren gilt?

Sind es breite Sonderangebote oder königliche Exklusiva, die man so erreicht - oder ist Offenheit für jeden gemeint?

Ein Rätsel schwebt an dem Ort, der alle Richtungen der Stadt vermittelt. Lindenteller heißt doch der Platz - wo doch die Gabel die zentrale europäische Erfindung ist.

Die Linden sind längst weg und der Teller offeriert uns nicht mal ein Stück Marzipan, das eigentlich dort hingehört - als Belohnung für kommunale Vorbildlichkeit. Wer befreit diesen gesellschaftlichen Knoten von seinem stiefmütterlichen Schlaf? Von ihm aus geht es wie von keinem anderen Punkt - weder vom Burgtorteller noch Mühlenteller, auf denen auch nichts Appetitliches liegt - zum Drägerwerk (Quelle der Arbeit), zur Altstadt (Eldorado des Einzelhandels), zum ZOB (Verteiler in die Peripherie) und zum Bahnhof (von dem es in die Großstadt Hamburg, also zum Tor in die Welt geht).

Vergleiche geistern im Kopf herum: Ernst-Reuter-Platz in Berlin oder Place d'Étoile. Ist denn niemand da, der den Platz befreit? Welcher Zahn muß da gezogen werden, welches Elixier müssen wir da ansetzen? Besser, welche Luft muß da entweichen?

Es würde mich nicht wundern, wenn unter dem Teller auch noch ein Luftschutzbunker zu Tage käme, von dem niemand was gewußt hat.

Also Lübeck ist ausgesprochen offen für neue Lösungen, für Ungewohntes, Experimentierfreudigkeit - ein Anti-
Adenauer-Effekt als Treibriemen für neue Verhältnisse.

Wenn die Stadt sich öffnet - wie kann sich der Lübecker da verschließen?

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de