Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 15. November 2018

Ausgabe vom 08. Juni 1999

Überraschung an der Wand

Bei Restaurierungsarbeiten wurden barocke Rankenmalereien entdeckt

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Dr. Irmgard Hunecke und Wolfgang-Martin Hehr begutachten die zufällig entdeckte Wandmalerei im Vorsteherzimmer des Haasenhofes; Foto: T. Wewer

Im Zuge von Restaurierungsarbeiten im Vorsteherzimmer des Haasenhofes wurden barocke Wandmalereien entdeckt. Drei Wände des Raumes sind vollflächig mit einer großblättrigen Rankenmalerei auf weißem Grund bemalt, die in Form und Detail identisch ist mit der Malerei auf der Holzbalkendecke des Raumes. "Wir sind erstaunt und zugleich hocherfreut über diesen Fund", berichtet Dr. Irmgard Hunecke vom Bereich Denkmalpflege. Bis zur Entdeckung sei nichts über die Wandmalereien bekannt gewesen. Mehr noch: So umfangreiche und so gut erhaltene Malereien seien sehr selten, in Schleswig-Holstein etwa habe es bisher keinen vergleichbaren Fund gegeben.

Der Haasenhof in der Dr. Julius-Leber-Straße ist der jüngste der größeren Stiftungshöfe Lübecks, gestiftet 1727, fertiggestellt 1729. Innerhalb dieser Anlage befindet sich das Vorsteherzimmer im Obergeschoß eines Anbaus am Ende der westlichen Hausreihe mit Stiftswohnungen. Das Zimmer wird von den Bewohnerinnen und Bewohnern des Hofes als gemeinsamer Treffpunkt gern genutzt.

Die Wandmalereien überraschen aus einem weiteren Grund: Der Stil der Rankenmalerei ist typisch für die Zeit um 1700, weiß Restaurator Wolfgang-Martin Hehr. Mithin stellt sich die Frage, ob zumindest das Haus mit dem Vorsteherzimmer früher entstanden ist als der eigentliche Haasenhof. Denkmalpflegerin Hunecke will jetzt noch einmal die vorhandenen alten Unterlagen daraufhin überprüfen.

Der aufsehenerregende Fund wird allerdings schon bald wieder hinter der Wandpaneele, die zur Zeit restauriert wird, verschwunden sein. Denn der Raum wäre dann nicht weiter nutzbar. Außerdem, so Dr. Irmgard Hunecke, sei auch die Wandpaneele selbst "historisch und kunstgeschichtlich wertvoll".

Luft und Feuchtigkeit hatten der Paneelmalerei, die mit ziemlicher Sicherheit die Erstausstattung des Raumes darstellt, zugesetzt. Nach einer ausführlichen Begutachtung der Schäden und anschließender Beratung mit allen Beteiligten begannen vor gut einem Jahr erste Restaurierungsarbeiten, zunächst an der Außenseite des Hauses.

Im April dieses Jahres nahm dann Restaurator Hehr mit seinen Mitarbeiterinnen die Arbeit auf. Zeitgleich wird eine bisher in Lübeck noch nicht zum Einsatz gekommene Temperierungsanlage eingebaut. Im August oder September, so die bisherige Planung, soll das Vorsteherzimmer wieder nutzbar sein für die BewohnerInnen.

Bei der Restaurierung wird darauf Wert gelegt, daß nur die schadhaften Stellen überarbeitet werden; auf den natürlichen Alterungsprozeß wird nicht eingewirkt, erläutert Wolfgang-Martin Hehr.

Die Bau- und Restaurierungsarbeiten werden laut Grundstücksgesellschaft Trave rund 150 000 Mark kosten, davon übernimmt die Possehl-Stiftung etwa ein Drittel.

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