Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. April 2019

Ausgabe vom 27. Juli 1999

Stoppen Schweinswale die Powerboote?

Umweltverträglichkeit des Formel-1-Rennens vor Travemünde trotz Studie weitgehend unklar

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Massenhaftes Muschelsterben? Ein Zusammenhang mit dem Rennen kann ausgeschlossen werden; Foto: M.Erz

Verhindern Schweinswale eine Neuauflage des Powerbootrennens vor Travemünde? Mit dieser Frage beschäftigen sich derzeit sowohl Veranstalter wie auch Biologen und Umweltschützer. Denn noch zwei Tage vor den Rennen, am 30. Juni, hat sich zumindest ein Schweinswal an der Travemündung aufgehalten. Diese Beobachtung eines Experten bestätigte jetzt die Universität Kiel auf Anfrage der SZ.

"Die Quelle ist absolut seriös und bestätigt das, was wir ohnehin wissen", sagte Meeresbiologe Klaus Lucke vom Forschungs- und Technologiezentrum der Universität Kiel in Büsum. Schweinswale in der Lübecker Bucht seien nicht selten und hielten sich möglicherweise ständig dort auf. Man wisse jedoch sehr wenig über die scheuen Meeressäuger, deren Bestände vom Aussterben bedroht und deshalb absolut schutzbedürftig seien.

Über die Lärmempfindlichkeit und die Reaktion der Kleindelphine auf Rennboote ist wenig bekannt. Es ist jedoch anzunehmen, daß die bis zu 1,8 Meter langen und 90 Kilo schweren Tiere, deren wichtigstes Sinnesorgan das Gehör ist, vom Unterwasserlärm der 2000 PS starken Rennkatamarane wenig begeistert sein dürften.

US-Forscher suchen Klarheit

Lucke, der auch Bioakustiker ist, erhofft sich Klarheit von einer derzeit in den USA laufenden Studie zu Verhalten und Empfindlichkeit der Kleinwale. Bis dahin sei an weitere Rennen guten Gewissens nicht zu denken. Lucke: "Eine Durchführung ohne Absicherung, daß den Tieren nichts passiert, kann ich absolut nicht befürworten."

Unklar sind auch die Auswirkungen des Renn-Events auf die übrige Meeresfauna. Das geht hervor aus einer Umweltverträglichkeitsstudie, die die Lübeck und Travemünde Tourismus-Zentrale (LTZ) im Vorfeld der Veranstaltung in Auftrag gegeben hatte. Als Gutachter hatte sich Diplomingenieur Andreas Morgenroth seit Januar mit den ökologischen Fragen des Motorbootrennens beschäftigt. Seine Untersuchung bezogen sich auf Beeinträchtigung von Uferschwalben und Fledermäusen, sowie auf Auswirkungen auf Miesmuscheln, Fische, Wasservögel und auch Schweinswale. Seine Erkenntnisse waren in die Festlegung des Rennkurses und in eine Reihe von Empfehlungen zur Organisation eingeflossen. Während des Rennen hatte Morgenroth Beobachtungen vornehmen lassen, die allerdings keine zwingenden Erkenntnisse gegen die Veranstaltung erbrachten, ebenso die Lärmmessungen der Hansestadt, die maximal 91 dB am Ufer erbrachten - viel weniger als in Oslo vor zwei Jahren, als 103 dB gemessen wurden. 91 dB entsprechen dem Lärm eines dicht vorbeifahrenden LKW.

Begrenzte Untersuchung

Umwelt-, Naturschützer und Fischer halten indes ihre scharfe Kritik an dem Rennen aufrecht und verweisen auf die Mängel der Studie, die auch der Gutachter nicht bestreitet. Die Auswirkungen des Unterwasserschalls und der Motorabgase seien aus Kostengründen nicht untersucht worden, weil dies sehr aufwendig sei und man über die Wirkungszusammenhänge insgesamt sehr wenig wisse, räumte Morgenroth ein. Man könne auch nicht ausschließen, daß durch den Unterwasserlärm ein "Vergrämungseffekt" bei den Fischen eintrete und auch die Miesmuscheln geschädigt werden könnten. Darauf hatten auch die Fischer hingewiesen, die von einer kompletten Vertreibung der Fische durch die Rennboote für fast eine Woche sprachen.

Daß die Miesmuscheln, die in der Woche nach dem Rennen tonnenweise an Travemündes Stränden angespült worden waren, an Lärmstreß zugrunde gegangen seien, schloß Morgenroth jedoch aus. Die Schalen seien leer gewesen und stammten wahrscheinlich aus den Winterwochen.

Ob das Powerbootrennen der Formel-1-Klasse im kommenden Jahr erneut vor Travemünde stattfinden wird, ist somit drei Wochen nach der Premiere zweifelhaft, auch wenn viele Travemünder Geschäftsleute darauf drängen. "Wir werden erst einmal alle Argumente zusammentragen, bewerten und uns dann entscheiden,", sagte Tourismusdirektor Johann W. Wagner bei Vorlage der begleitenden Umweltverträglichkeitsstudie. Er machte allerdings auch klar, daß das Powerbootrennen ein gelungenes und überaus wichtiges "Event" für Travemünde sei, mit dem man sehr viel erreicht habe.

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