Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 20. August 2019

Ausgabe vom 27. Juli 1999

Die feinen Nüancen

Bemerkungen über das Theater in Lübeck (2)

Ist ein Schauspieler oder eine Schauspielerin nicht accreditirt, so rügt man auf das strengste oft unbedeutende Fehler, und läßt ihrem wahrhaften Verdienste nur selten lau und fast ungerne Gerechtigkeit widerfahren. Nicht ohne Grund beklagt sich die Direction, daß das reine Drama hier keinen Beifall finde, und bei wiederholten Darstellungen höherer Emanationen von dieser Gattung, das Schauspielhaus leer geblieben. Wenn nun dagegen bei den komisch=weinerlichen Schauspielen, bei Zauberopern und den sogenannten Spectacul=Stücken das Haus stets gefüllt wird, so kann man es der Direction nicht verargen, daß sie diese öfterer giebt. Der dramatische Geschmack des hiesigen Publicum neigt sich vorzüglich für die Producte froher, tändelnder Laune, und so leicht es sich rechtfertigen läßt, daß der Mann, welcher ermüdet von des Tages Geschäften Erholung im Schauspiele sucht, daß dieser leichten Scherz der ernsteren Muse vorziehe, so wenig ist es dagegen zu entschuldigen, wenn der Schauspieler, von dem Wahne irre geleitet: er werde vorzüglich gefallen indem er Lachen abzwinge, sich Mühe giebt, eine Rolle comisch darzustellen, die durchaus nach dem Sinne des Stücks nicht comisch genommen seyn sollte, beleidigend für das Publicum wird es aber wenn der Schauspieler durch Incedenzen als Plattdeutsch sprechen , und eigenmächtig in die Rolle verwebte Obscönitäten gefallen will. Leider! aber sieht man zu Zeiten dergleichen mit lautem Beifall aufnehmen, und der Wunsch seine Rolle mit Beyfall zu spielen ist so menschlich als algemein in der Welt, daß vielleicht diese Ansicht es ist, welche den Schauspieler zu der eben gerügten Verirrung führt.

Die auf innige warme Anschauungsgabe gegründete Darstellung des vorliegenden Kunstproducts, durchgängige Haltung des vorgeschriebenen Characters in seinen feinsten Nüancen, Eingreifen desselben in die übrigen Charactere, Vereinigung jeder einzelnen Schattirungen des Guten und Wahren zu einem Ganzen, das soll die Tendenz der Darstellung seyn. Um den Schauspieler auf diesen Gesichtspunct für seine Kunst zu führen, muß das Publicum die Bemühungen des Schauspielers dadurch unterstützen: daß es zugleich mit ihm stets vorwärts schreite,daß der Aufschwung des Publicum zu feinerer Receptivität, mit den Bestrebungen des Schauspielers zu Erreichung höherer Geistescultur, gleichen Schritt halte.

Ob wir nun in dieser Hinsicht wäh-rend der fünf Jahre, in denen unser dramaturgisches Institut in unserer Mitte bestand, Fortschritte erreicht haben? beantwortet sich nach dem vorhin gesagten leicht, wenn man, mit unbefangenem Blicke, die Sache ansieht.

Es fragt sich nun: Welche gerechten Wünsche in Betref unseres Schauspiels, dürften zunächst Befriedigung finden?

Bei den beschränkten Kräften der Direction, dem so niedrig gesetzten Preise des Einlaßbillets, dem gänzlichen Abgehen ausserordentlicher Beiträge, wäre es ungerecht im Algemeinen einen größeren Aufwand an Decorationen und Kleidungen zu begehren.

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