Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 19. April 2019

Ausgabe vom 03. August 1999

Schönheit auf dem Schrangen: Kunst neben Karstadt

Bündnis 90 / Die Grünen

Der Schrangen sei ein Schlauch und müsse zum Platz umgeformt werden, bemerkte Bausenator Dr. Zahn vor ein paar Jahren und regte den Bau eines Häuschens Ecke König-straße an. Das aber würde den Blick von der Königpassage zur Marienkirche verstellen und umgekehrt, hieß es damals, und sei zu unterlassen.

Mit diesem Problem wird es Frau Dr. Siewert von der Overbeck-Gesellschaft nicht zu tun bekommen, denn ihr Gestaltungsvorschlag für eine Pflastermalerei spielt sich am Boden im flachen Zweidimensionalen ab und bleibt stets überschaubar.

Dennoch wird der Platz in ihrem Farbkonzept merklich angehoben.

Kritisch ließe sich wohl äußern, daß der Zoderer-Kunst das Heimelige und Gemütliche ebenso fehle wie damals dem Zahn-Pavillon. Zumindest in der Fotomontage der "Lübecker Nachrichten" vom
21. Juli 1999 wirkt das Gestreifte etwas streng. Aber Lübeck ist offen für Interpretationen, und hier liegen die tieferen Bedeutungen regelrecht auf der Straße.

Profanes und Sakrales

Die Längsstreifen lenken die Passantinnen und Passanten virtuell von ihren profanen Einkaufserlebnissen in der Königpassage zum sakralen Bau der Marienkirche hinüber und hinauf, und umgekehrt: vom Marien-Chor und dem nicht-kommerziellen Kanzleigebäude hinunter zu den Händlern und Wechslern. Der Schrangen bleibt dabei ästhetisch und funktionell betont ein Schlauch, denn Streifen machen schlank, und einen Moment lang stellt sich der Gedanke an Carl Sagans Roman "Contact" mit dem schlauchartigen kosmischen Gebilde ein, durch das hindurch die Heldin (im Kino Jodie Foster) kurzzeitig die Erde verläßt.

Aber im Zentrum der Lübecker Altstadt bleibt natürlich alles am Boden. Wer von den vielleicht einen Ton zu schrillen Zoderer-Farben genervt sein sollte, kann auf ihr Verblassen warten und lernt somit im Kunsterlebnis, auch der Vergänglichkeit etwas abzugewinnen.

Am Ende erfahren wir dann schmerzlich den Unterschied zwischen Kunst und Realität, wenn das Schöne auf dem Asphalt schwindet, während daneben die Häuser von Karstadt und Anny Friede fortdauern.

V.i.S.d.P.: Hans-Jürgen Schubert

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