Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 17. Juni 2019

Ausgabe vom 22. Dezember 1997

IM GESPRÄCH

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Keine Zweiklassen-Gesellschaft - Dr. Jörg Fligge, 57 Jahre. Leiter der Stadtbibiliothek - Foto: B. Waffek

SZ: Kommen Sie überhaupt noch

zum Lesen?

Fligge: Sie meinen Gutenachtgeschichten und sowas? Nein, bedaure. Auf meinem Schreibtisch stapeln sich die Fachbücher, vor allem Computerliteratur.

Wegen der neuen EDV-Anlage? Wie weit sind denn die Fortschritte mit der Vernetzung gediehen?

In einem halben Jahr werden wir am Ozean der Information teilhaben können. Aber der Teufel steckt ja bekanntlich im Detail. Vor kurzem hat unsere EDV-Firma pleite gemacht, sie organisiert sich jetzt wirtschaftlich neu. Dadurch verzögert sich das Ganze. Man kann ein EDV-Netz ja leider nicht wechseln wie ein Hemd.

Haben Bücher im Medienzeitalter überhaupt noch eine Zukunft?

Wie wollen Sie denn heutzutage eine Ausbildung absolvieren ohne Fachbücher! Wenn das Lernen elektronisch gestützt abläuft, umso besser. Allerdings geben unsere Mitarbeiter dabei Hilfestellung. Es ist wichtig, daß gerade diese neuen Medien öffentlich zugänglich sind, ich wende mich gegen eine Zweiklassen-Informationsgesellschaft.

Die Stadtbibliothek ist ja eine der wenigen Einheitsbibliotheken, wo wissenschaftliche Bibliothek und Volksbücherei miteinander verzahnt sind. Sie waren dieses Jahr in Boston und in New York. Wie sieht es in anderen Ländern eigentlich aus?

Ganz anders. In den angloamerikanischen Ländern sind die Bibliotheken besser ausgestattet, haben länger geöffnet und sind kostenlos.

Wie das?

Das liegt daran, weil sie privat gesponsert werden. Bibliotheken haben dort einen ganz anderen Stellenwert als hier.

Man sagt, Sie forcieren auch hier diese Idee der public libraries, was ist denn darunter zu verstehen?

Diese Demokratie kann nur gelingen, wenn die Menschen freien Zugang zur Information haben, Sie müssen sich ein Urteil bilden können, ohne daß ihnen jemand ins Ohr bläst. Eine gut ausgestattete Bibliothek, das wissen die Amerikaner, schlägt sich im wirtschaftlichen Nutzen nieder.

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