Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 15. November 2018

Ausgabe vom 16. November 1999

Das schwierige Ringen um die Zukunft

"Lübecks schönste Tochter" ist nicht mehr wettbewerbsfähig - Widerstand gegen Gestaltungspläne

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Großes Foto: Der Teil des Casinos im Bildvordergrund soll abgerissen werden. Dafür ist ein Hotel-Neubau geplant (kl. Bild), der bis zur Promenade reicht; Foto: T. Wewer, Computergrafik: Privat

"Es muß etwas geschehen", "Wir haben unsere Chancen nicht genutzt", "wir brauchen mehr Entscheidungsfreudigkeit": Sätze wie diese bestimmten den Informationsabend der CDU-Fraktion in Travemünde am vorvergangenen Montag. Am Beispiel des geplanten Hotel-Neubaus am Kurhaus, der Vorstellung eines Feriendorfes auf dem Priwall und nicht zuletzt anhand der Diskussion über das Casino wurde an diesem Abend erneut deutlich, daß Travemünde im Wettbewerb der Ostseebäder aufzuholen hat. Aber wie? Einigkeit scheint nur zu herrschen bei der Einsicht, daß Travemünde aufpoliert werden muß; wenn allerdings konkrete Pläne auf dem Tisch liegen wie zum Beispiel der Kurhaus-Hotelneubau oder auch das geplante neue Hotel am Casino, dann werden schnell Bedenken vorgetragen.

An dem vom Lübecker Architekten Helmut Riemann vorgestellten "ersten Entwurf" für das neue Hotel am Kurhaus etwa wurde kritisiert, daß es sich vom alten Gebäude optisch deutlich abhebt. "Wir reißen jetzt ein altes Gebäude aus den 60er Jahren ab, um ein neues aus den 90er Jahren hinzustellen", beklagte sich ein Zuhörer. "Warum kann der Neubau nicht so aussehen wie der Altbau?" Riemann betonte also, daß es sich zunächst um einen Vorschlag handele, den man noch abändern könne. Immerhin: Er hält es für möglich, daß bei gutem Willen aller Beteiligten das neue Hotel Mitte 2002 eröffnen könnte. Betrieben werden soll es von der Mövenpick-Gruppe.

Erfreut war man an diesem Abend auch nicht über den geplanten Casino-Hotelanbau. Eine andere Nutzung sei aber nicht rentabel, erläuterte CDU-Fraktionschef Klaus Puschaddel. Auch die CDU sei mit der Anbaugestaltung "nicht glücklich", es habe aber keinen anderen Vorschlag gegeben.

Mittlerweile wollen Gegner des Neubaus, der den Abbruch eines Casino-Teils bedingt, den Rechtsweg beschreiten, um den drohenden Abriß zu verhindern. In einer Bürgeraktion wurden bisher über 3000 Unterschriften gesammelt und dem zuständigen Wirtschaftssenator Gerd Rischau übergeben. Eine Annäherung der unterschiedlichen Standpunkte will der Senator mit einem Gespräch noch in dieser Woche erreichen.

Weiterhin will Rischau ein Gespräch mit dem Casino-Investor führen. Der hatte zunächst die Pläne gut geheißen, spricht sich aber mittlerweile ebenfalls gegen den Entwurf aus. Das Ziel dieser Intervention des Senators ist, die angedrohten rechtlichen Auseinandersetzungen zu vermeiden. Denn sonst bleibt auf längere Zeit alles beim Status quo - und das heißt: Stillstand.

Dabei liegen fertige Pläne für die Entwicklung des Stadtteils vor. In einem Werkstattbericht, den der Fachbereich Stadtplanung vorgelegt hat, werden die Projekte bis 2010 aufgelistet, die den Ort "im kommenden Jahrzehnt wieder zu dem machen, was er lange Jahrzehnte war: Eines der schönsten, attraktivsten und traditionsreichsten Seeheilbäder an der Ostsee", so Bausenator Dr. Volker Zahn im Vorwort des Berichts.

Insgesamt 16 einzelne Planungsbereiche mit unterschiedlichen Projekten umfaßt dieses Gesamtkonzept. Es reicht von einer geänderten Verkehrsführung bis hin zur Neugestaltung der Park- und Freizeitanlagen im Innnenbereich des Kurgebietes. Begonnen wurde bereits mit den ersten Vorbereitungs-Arbeiten in der Straße Rose (die SZ berichtete).

Allein der Straßenneubau und die Umgestaltung der Straßen und Plätze erfordern ein Investitionsvolumen von rund 60 Millionen Mark. Dazu kommt noch der Bau von über 1400 Parkplätzen in Parkhäusern, kalkuliert mit noch einmal 50 Millionen Mark. Die gesamte Verwirklichung des städtebaulichen Entwicklungskonzeptes würde private und öffentliche Investitionen von rund 300 Millionen Mark erfordern, schätzt der Fachbereich in seinem Werkstattbericht.

"In zahlreichen Gesprächen mit engagierten Travemünder Bürgern, Hoteliers, Gastronomen und Einzelhändlern", heißt es in dem Bericht, habe man die Realisierungsmöglichkeiten der vielen Einzelprojekte diskutiert. Dann sollte man eigentlich meinen, daß allseits an einem Strang gezogen wird. Der Abend in Travemünde hat gezeigt, daß man davon noch ein gutes Stück entfernt ist. Aber, so Klaus Puschaddel, es sei halt lübsche Tradition, schlecht über die eigene Stadt zu reden ...

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