Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 26. Juni 2019

Ausgabe vom 22. Dezember 1997

Sahnehäubchen wird abgeschöpft

Zu wenig Altkleider bei den Gelben Säcken für Rohstoffverwertungsbetrieb

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Gelbe Säcke werden ein bis zwei Stunden vor den Altkleidern abgeholt. Foto: M.Erz

"Bei uns landen nur zwei Tonnen Altkleider im Monat", erklärt Udo Niels, einer der beiden Geschäftsführer der Firma Altroh. Der Altpapier- und Rohstoffverwertungsbetrieb hat einen Vertrag mit der Stadt geschlossen: Um den Auflagen durch das duale System Folge zu leisten, holen die städtischen Mitarbeiter die Gelben Säcke, aber auch Altpapier und aussortierte Kleidung ab und bringen sie der Firma zur Wiederverwertung. Doch diese Einnahmequelle von Altroh, die Altkleidersammlung, geht laut Niels sukzessive in den Keller. "Vermutlich, so Niels, "schöpfen andere Unternehmen uns dieses Sahnehäubchen im Vorfeld ab."

Bring- und Abholdienst

Während in anderen Städten Altkleider nur in Containern gesammelt werden, gibt es in Lübeck neben diesem Bringdienst einen Abholdienst: 14täglich können Lübecks Bürger Gelbe Säcke, Altpapier und ausrangierte Kleidung entsorgen, indem sie sie am Morgen des Abholtages an den Straßenrand stellen. Ab 6.30 Uhr werden die Gelben Säcke von den Mitarbeitern der Stadt eingesammelt, ein bis zwei Stunden später holen sie das gebündelte Altpapier und die regengeschützten Altkleider ab.

Altpapier und Gelbe Säcke kommen zum Sortieren und zur Wiederaufbereitung zur Firma Altroh, die Alttextilien zu einem Sortierbetrieb in Bad Oldesloe. Dort werden sie nach Material und Qualität geordnet. Einige Sachen kommen ins sogenannte Katastrophenlager, wo permanent 1500 Tonnen Kleidung für jede Jahreszeit vorrätig sind. Während ölige Schmutzlappen oder alte Malerhosen nicht mehr verwertbar sind, werden zerrissene Sachen noch für die Putzmittelindustrie verarbeitet. Gut erhaltene Sachen kaufen Second-Hand-Läden im In- und Ausland für 400 bis 580 Mark pro Tonne auf.

Diese Einnahmequelle versiegt nach und nach. Die Geschäftsführer von Altroh, Niels und Richard Schrader, vermuten, daß andere Firmen sich die Abholtermine, die die Stadt bereits für das ganze Jahr festlegen muß, zunutze machen. "Offensichtlich rufen sie kurz vor diesen Terminen durch Wurfzettel dazu auf, die Altkleider ein bis zwei Tage vorher herauszustellen", vermutet Ri-chard Schrader. "Wahrscheinlich werden uns zehn bis 15 Tonnen monatlich vor der Nase weggesammelt." Eine rechtliche Handhabe gibt es nicht. "Es gelten eben die Gesetze des freien Marktes", sagt Tatjana Voskuhl vom Rechtsamt. Ordnungswidrig handelt nach dem Landesabfallwirtschaftsgesetz lediglich, "wer vorsätzlich oder fahrlässig entgegen Paragraph 7 als Dritter getrennt bereitgestellte Abfälle an sich nimmt".

Laut Heiko Lüerssen, dem stellvertretenden Leiter des Amtes für Abfallwirtschaft, sind die Preise für Altkleider aber auch für Altpapier starken Schwankungen unterworfen. "Die anderen Unternehmen sammeln nur dann, wenn sie gerade sehr hoch sind", erklärt er. "Das sehen wir allerdings nicht sehr gerne, denn wir sind auf die Dienste der Firma angewiesen, die in guten wie in schlechten Preistagen sammelt."

Reißender Absatz

Neben dem Angebot der Stadt und den Sammlungen von Privatunternehmen sammeln auch die Vorwerker Heime und das Rote Kreuz Altkleider. Das Rote Kreuz beispielsweise hat Container in den Stadtteilen aufgestellt, und falls jemand eine größere Menge Altkleider aussortiert hat, selbst aber nicht in der Lage ist, diese zum Roten Kreuz zu bringen, holen die ehrenamtlichen Mitarbeiter die Sachen ab. Unbrauchbares bekommt eine Verwertungsfirma, der Erlös wird für die Rot-Kreuz-Arbeit verwendet. Was sich noch zum Tragen eignet, wird für die Kleiderkammer aussortiert, wo es laut Hans-Lothar Fauth, Vorsitzender des Kreisverbandes Lübeck, reißenden Absatz, unter anderem bei Sozialhilfeempfängern, findet. Außerdem werden die Sachen bei Katastrophenfällen im In- und Ausland verteilt.

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