Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 26. Juni 2019

Ausgabe vom 29. Februar 2000

Stadt für Frauen: kurze Wege und sicher

Weibliche Bedürfnisse in der Wohnumgebung, in der Stadt, in der Landschaft, im Verkehr

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Ein großer, einsamer Parkplatz - immer noch einer der Räume in der Stadt, der Frauen Angst macht Foto: A. Doll

In der Hansestadt Lübeck wird die Gleichstellung von Frauen und Männern als städtische Aufgabe begriffen. Fragt man näher nach, worum es denn dabei geht, wird es schnell kompliziert. Da ist dann die Rede davon, daß es sich um ein "Querschnittsziel" handelt - ein an sich schon abschreckender Begriff, der zwingt, darüber nachzudenken, was denn eigentlich damit gemeint sein könnte. Ein Ziel, das alle angeht? Ein Ziel, das alle angehen soll? Ein Ziel, das überall eine Rolle spielt? Auf jeden Fall wurde den Bereichsleitern und Bereichsleiterinnen, den Controllern und Controllerinnen der Hansestadt "die Aufgabe der Frauenförderung und der gleichstellungsorientierten BürgerInnen-
orientierung als Standardaufgabe übertragen", heißt es im "Produktbuch 2000" der Hansestadt.

Anläßlich des Internationalen Frauentages am 8. März schaut sich die SZ einen Teil dieser Aufgabe näher an: Was wollen Frauen in der Gestaltung ihrer Umwelt, um ihre Wohnungen oder Häuser herum, in der Stadt und im Grünen eigentlich anderes als Männer? Gibt es Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Sicht?

Der Bereich Naturschutz hat diese Frage ganz konkret bearbeitet. Frank-D. Lammert und Dr. Ursula Kühn stellten mit Hilfe von Fragebögen und Gesprächen, zu denen gezielt Frauen eingeladen wurden, fest, was sich Frauen für die Lübecker Landschaft wünschen. "Am eindrucksvollsten für uns war insgesamt die deutlich naturbezogenere Werthaltung der Frauen im Vergleich zu den Männern", sagt Lammert. Bei dem Konflikt, ob entweder neue Arbeitsplätze geschaffen oder die natürlichen Lebensgrundlagen bewahrt werden sollten, sprachen Frauen sich eher für die Bewahrung der Natur aus. Lammert fiel besonders auf, daß Frauen Natur und Landschaft nicht als etwas Fernes ansahen, als Ausflugsziel, sondern daß sie sich mehr Natur in der direkten Umgebung wünschten.

In anderen Bereichen sind die Wünsche von Frauen nicht so klar von denen der Männer zu unterscheiden. Im Verkehrsbereich etwa fällt es schwer, geschlechtsspezifische Ziele auszumachen. Auch wenn immer noch mehr Männer als Frauen das Auto benutzen, und eher Frauen als Männer mit kleinen Kindern unterwegs sind, entsprechen die Bedürfnisse von Fußgängern, Radfahrern und Busbenutzern nicht automatisch den Bedürfnissen von Frauen. Zu denen, die von der motorisierten Mobilität ausgeschlossen sind, gehören zwar viele Frauen, aber auch Kinder, Alte und Arme. Und zu ihnen gehört auch eine große Gruppe von Frauen und Männern, die es praktischer und besser finden, kein Auto zu nutzen.

Bezogen auf die Wohnumgebung wünschen sich Frauen und Männer mit Kindern interessante Spielplätze mit Bewegungsangeboten für Jungen und Mädchen, Treffpunkte, lebendige Orte, die zum Verweilen einladen, Bänke zum Ausruhen und zum Beaufsichtigen der Kinder, Wiesen zum Liegen und Spielen, die nicht mit Hundekot verschmutzt sind.

Es gibt Wünsche, die Frauen deutlicher äußern als Männer. Um ihren Alltag zu organisieren, wollen sie unterschiedliche Orte zu "Wegeketten" verknüpfen. Sie konzentrieren sich nicht auf eine Tätigkeit, sondern wollen auf dem Weg von der Arbeitsstelle einkaufen gehen, das Kind vom Kindergarten abholen, Behördengänge miterledigen können. Für Ulrike Schröder, im Bereich Stadtsanierung zuständig für die Innenstadt, ist das eine Selbstverständlichkeit: "Bei der Stärkung der Innenstadt als multifunktionales Zentrum geht es natürlich immer auch um kurze Wege."

Ein weiteres Thema, das Frauen mehr bewegt als Männer, ist die Sicherheit in der Stadt. Nachts werden schlecht ausgeleuchtete Stellen, zugewucherte Wege, einsame Orte, von fast allen Frauen gemieden. Hierzu gehören Grünanlagen und Parks, die Bahnhofsgegend, große Parkplätze, Parkhäuser und Tiefgaragen und die Kanalstraße. Beim Erstellen eines digitalen Kartenwerks sollen in diesem Jahr Frauenangsträume in der Innenstadt mit kartiert werden. Darüber hinaus wollen der Bereich Verkehr und das Frauenbüro eine Umfrage über Angsträume initiieren, um diese zu entschärfen und dadurch die Stadt für Frauen attraktiver zu machen.

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