Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. April 2019

Ausgabe vom 14. März 2000

Ist das ECE noch zu retten?

Projekt zwischen Holstentor und Dankwartsbrücke ist nicht realisierbar

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Das Areal, das sich ECE Hamburg wünscht, ist riesig. Es reicht vom Holstentor (r.) bis zur Dankwartsbrücke (l.); Montagefoto: M. Erz/MIKADO

"Ist das Einkaufszentrum am westlichen Rand der Lübecker Altstadt noch zu retten? Und: "Sind die Projektentwickler aus Hamburg noch zu retten, uns ernsthaft einen derartigen Vorschlag zu unterbreiten?" Diese Fragen werden derzeit in der Hansestadt heftig diskutiert. Die endgültigen Antworten stehen noch aus, auch wenn der SPD-Parteitagsbeschluß vom Sonnabend, das Projekt in dieser Form nicht weiter zu verfolgen, eine Weichenstellung zur Ablehnung einleitete.

Auslöser der Diskussion ist der jüngste Vorschlag, den das ECE Projektmanagement in kleiner Runde Stadtspitze, Politik und Wirtschaft vortrug. Die Hamburger, die bundesweit 57 Laden- und Einkaufspassagen managen, präsentierten einen abgewandelten Vorschlag, wie der umstrittene Standort am westlichen Rand des Weltkulturerbes Lübecker Altstadt doch noch zu realisieren wäre: Mit einer deutlichen Absenkung der ursprünglich auf 16 Meter veranschlagten Baukörperhöhe auf rund zehn Meter, einer terrassenförmigen Abstufung zum Trave-Ufer, einer intensiven Dachbegrünung und Einbettung in die etwa gleich hohen Wallanlagen und einer völlig neuen Verkehrsführung, die von einer Umwandlung der Possehlstraße in einen Parkplatz ausgeht.

Den neuen Entwurf bekamen die Entscheider bislang lediglich in Form von Farbfolien zu sehen. Als prüffähige Unterlage war er bis zum Redaktionsschluß der SZ in der Bauverwaltung noch nicht eingetroffen, so daß nur wenige genaue Fakten und Daten vorliegen (siehe Seite 2). Klar ist nur, daß die Hamburger an der urspünglichen Größe des "Holstentorcenters" mit 25 000 Quadratmetern Netto-Einkauffläche und dem konzeptionellen Zuschnitt einer verkehrsgünstig angeschlossenen "Verkaufsmaschine" in bereits bewährter Form festhalten.

Der ursprüngliche Entwurf, den das ECE im Dezember 1999 vorgelegt hatte, war auf wenig Gegenliebe bei Verwaltung, Denkmalschützern und der Unesco gestoßen. Aus Paris, dem Sitz der Weltkulturerbe-Organisation, kamen Anfragen, ob auch in Lübeck eine "Potsdam-Diskussion" zu erwarten sei.

Gemeint sind damit nicht etwa die Irrungen und Wirrungen um Umweltsenatorin Dr. Beate Hoffmann, die von Potsdam nach Lübeck gewechselt war und unmittelbar zuvor in voller Breite erlebt hatte, wie es ist, wenn sich eine Stadt am Weltkulturerbe vergreifen will. Dort lösten die Planungen eines Einkaufskomplexes am Rande des Stadtkerns heftigste Reaktionen aus - bis hin zur Androhung der Streichung aus der Welterbeliste. Gratis obendrein gab es eine Negativpresse weltweit, die sich gewaschen hatte und für eine schwere Beschädigung des sorgsam gepflegten Stadtimages sorgte, die bis heute nachwirkt, wie das Potsdamer Presseamt noch gestern bestätigte.

Daß es soweit in Lübeck nicht kommen wird, ist indes klar. Zwar kann das ECE-Management nach wie vor darauf bauen, daß es in Lübeck hochwillkommen ist. Seine Professionalität im Betrieb von attraktiven Kundenmagneten ist unbestritten. Sie würde Lübeck sowohl in seiner Funktion als Oberzentrum guttun, als auch dem teilweise serviceungewohnten und beratungsresistent erscheinenden Innenstadthandel die dringend benötigten Konkurrenzimpulse verleihen. Klar ist aber genauso, daß sich Lübeck nicht mit einer gesichtslosen Allerweltlösung zufriedengeben wird - da seien nicht nur die stolzen Hanseaten vor...

Teletubbie-Land

Denn der Einzigartigkeit des Weltkulturerbes Lübeck ist wenig geholfen mit einer Lösung von der Stange à la Schwerin, Gelsenkirchen, Koblenz oder Frankfurt-Sulzbach. Die dortigen Center gleichen sich bis ins Detail und lassen kaum lokalen Charakter erkennen. Eine Lösung, die in Lübeck dringend benötigt wird, muß nach Ansicht von allen Fachleuten darauf aufbauen, das Einzigartige der Königin der Hanse zu betonen, die bauliche Genialität des Backstein-Gesamtkunstwerks baulich zu integrieren und durch eine Umwandlung von unbebauten, schmudeligen und mit parkendem Blech verunzierten Arealen die Gesamtstadt aufzuwerten.

ECE hat bislang nicht zu erkennen gegeben, ob es diese Zusammenhänge erkennt oder akzeptiert. Unabhängig von der zunächst in einer Pressemitteilung der SPD-Fraktionsspitze um Gabriele Hiller-Ohm geäußerten Begeisterung über den jüngsten Entwurf, ist inzwischen eine deutliche Distanz in der Stadt zum Standort am Holstentor zu erkennen. Ob das ein Schiffbruch für das ECE bedeutet, wird sich in den kommenden Wochen herausstellen.

"Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen", sagt der Volksmund. "Das ganze erinnert mich an Teletubbie-Land", amüsierte sich ein hochrangiger städtischer Beamte über den jüngsten ECE-Entwurf. "Oben grasen und hoppeln die Hasen, unten trippeln Teletubbies im Einkaufsrausch." Über allem strahle eine kindlich grinsende Sonne - Symbol einer blühenden Wirtschaft, wie sie eben nur im Kindermärchen vorkomme. "Das ist doch alles irre!"

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