Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 24. Juni 2019

Ausgabe vom 14. März 2000

Inhalte statt Event-Kultur

Marc Adam stellt seinen ersten Lübecker Theaterspielplan vor

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Die neue Mannschaft (v. re.): Oberspielleiter Reinhard Göber, Schauspieldramaturgin Karla Mäder, Generalintendant Marc Adam, Chefdramaturg Matthias Heid und die Musikdramaturginnen Daniela Brendel sowie Svantje Köhnecke; Foto: T. Wewer

"Kunst lebt vom Wandel", sagte Kultursenator Ulrich Meyenborg auf der Pressekonferenz, in der Marc Adam, nächster Lübecker Generalintendant, sein erstes Programm vorstellte. Es wandelt sich viel: Adam bringt neue Gesichter vor und hinter den Kulissen mit - und sein Spielplan 2000/2001 zeigt Neuorientierungen, ist ausgesprochen mutig. Adam will das Theater zum Mittelpunkt der Hansestadt machen und verspricht "Inhalte statt Event-Kultur". Er möchte weg vom "Oberflächengeist der 90er Jahre" und überzeugen, daß es weiterhin Sinn macht, sich den Aufgaben der Kultur zu stellen.

Der Generalintendant und sein Team setzen auf mehrere Schienen. Da sind die großen Repertoire-Stücke und Neuentdeckungen im Musik- wie auch im Sprechtheater, das sich von angelsäch-sischen weg und auf deutsche Stücke zu bewegt; da sind die Annäherungen an Lübecks Tradition und Neuorientierung "in einer sich rasch verändernden Welt". Schließlich gibt es eine verstärkte Beachtung des Nordostens, also Werken aus dem Bereich des "mare balticum".

Marc Adam und Reinhard Göber, Oberspielleiter des Schauspiels, bekennen sich stark zum Ensemble-Theater. Göber: "Ich möchte versuchen, in Zusammenarbeit mit allen Mitarbeitern das Theater Lübeck zu einem Zentrum für Schauspieler zu machen." Auch will er gegen einen "Berlin-Zentrismus" - Adam: gegen die Verarmung der übrigen deutschen Szene - angehen und ein Autoren-Schauspieler-Theater fördern. Ende der ersten Saison wird ein dreiteiliges Auswanderer-Projekt "Der Weg-The Way" zum Migranten-Problem in Angriff genommen. Im ersten Teil erarbeiten Schauspieler ein Stück weitgehend selbst, die zweite Stufe sieht ein Auftragswerk vor, der dritte Abend eine dramatisierte Essenz aus Berichten von Flüchtlingen der Jahre 1944/45.

Das Schauspielensemble bleibt weiter 20 Mitglieder stark, das Opernensem-ble wird bis auf 16 SängerInnen vergrös-sert, also mehr als verdoppelt. Zusätzlich soll eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Musikhochschule jungen Kräften Bühnenerfahrung vermitteln.

Die Saison startet mit vier Premieren innerhalb einer Woche am 22. September:Auf Giuseppe Verdis "I Vespri Sici-liani" folgt im Musiktheater im Thomas-Mann-Jahr "Tod in Vendig" von Benjamin Britten. Die Schiene des "großen Repertoires" setzen Jules Massenets hierzulande fast unbekannte "Cendrillon", Richard Strauss' "Elektra" und das beliebte Doppel "Cavalleria rusticana"/I Pagliacci" fort. Mit der deutschen Premiere von Aulis Sallinens "Kullervo" übernimmt Lübeck die Finnland-Pflege von Kiel, das sich jetzt der englischen Oper widmet.

Die Operette ist nicht tot - ihr soll wieder zu Ansehen verholfen werden mit Franz Léhars "Das Land des Lächelns" und einer französischen "Faust"-Parodie aus den 20er Jahren: "Mephistos Himmelfahrt" von Maurice Yvain. Ein Musical gibt es zunächst nicht. Dafür wird eine Ballett-Gastspiel-Serie aufgelegt, in der auch die TanzCompanie Lübeck ihren Termin bekommen soll.

Brecht zum Anfang

Das Schauspielensemble stellt sich mit Bert Brechts Frühwerk "Baal" und seiner modernen Fortsetzung "The Making Of. B-Movie" von Albert Ostermaier vor - am 23. und 24. September. Zwischen Goethes Lustspiel "Die Mitschuldigen" und der Curt-Goetz-Komödie "Ingeborg" liegen die klassischen Stoffe "Dantons Tod" von Büchner und Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig", die musikalische Unterhaltung "Träumereien um ein Sommerhaus" von Alan Ayckbourn und als Familienstück zu Weihnachten "Das Gespenst von Canterville" (Oscar Wilde). Deutsche Premieren sind "Nacht in St. Petersburg" der in Riga geborenen Ljudmilla Rasumowskaja und "Cheek to Cheek" des Schweden Jonas Garnell. Den Studio-Auftakt machen die Groteske "Herr Kolpert" von David Gieselmann und als sprachliches Versuchslabor "Tilt" von Georg Timber-Trattnig. Güz

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