Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 17. Juni 2019

Ausgabe vom 14. März 2000

SZ-Serie, Teil 2

Sucht im Alter

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Gisbert Stein, 41, ist Suchthilfekoordinator bei der Hansestadt Lübeck. In dieser SZ-Serie informiert er ber verschiedene Süchte. Stein ist im Gesundheitsamt, Sophienstraße 5 bis 8, Telefon 122 53 22, erreichbar.

Die 69jährige Elvira K. kam am Tag ihrer Aufnahme zur stationären Entwöhnungsbehandlung mit zwei gebrochenen Armen in der Fachklinik an. Sie hatte sich am Tag zuvor noch einmal so "richtig einen geschnasselt", wie sie sagte. Es sollte das letzte Mal sein, schließlich wollte sie ja mit Hilfe der Therapie endgültig von ihrer Alkoholabhängigkeit loskommen. Dabei hatte sie sich allerdings so betrunken, daß sie gestürzt war und sich die Knochenbrüche zugezogen hatte.

Für Elvira K. sollte es mit 69 Jahren die erste Therapie bezüglich ihres Alkoholismus sein. Ihre Suchtkarriere begann auch erst mit Ende 50, als sie sich von ihrem Beruf als Krankenschwester verabschiedete, um mit ihrem Ehemann einige schöne Jahre verbringen zu können.

Doch ihr Beruf und die darin gefundene Bestätigung fehlten ihr sehr; ihre in diesem Zusammenhang auftretenden depressiven Verstimmungen versuchte sie ab und zu mit Hilfe von Alkohol zu verdrängen.

Als vor vier Jahren ihr Mann starb, war die kinderlose Frau plötzlich völlig allein, und in der Folgezeit versuchte sie immer öfter, Trost im Alkohol zu finden.

Die Entwicklung von Elvira K. ist in unserer Gesellschaft heute kein Einzelfall mehr.

Zunehmend entwickeln ältere Menschen eine Suchtmittelabhängigkeit, denen man dies im Alter von 30 oder 40 Jahren niemals zugetraut hätte.

Neben der Alkoholabhängigkeit spielt die Medikamentenabhängigkeit eine beinahe noch größere Rolle bei älteren Menschen - und hier vor allem bei Frauen. Dies spiegelt sich besonders in Seniorenheimen wieder, hier schätzt man die Anzahl der Alkohol- und Medikamentenabhängigen auf mindestens zehn Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner. Dies würde bedeuten, daß sich in Lübeck zur Zeit mindestens 280 ältere Menschen in Seniorenheimen befinden, die suchtmittelabhängig sind.

Das Verschweigen der Suchtmit-telabhängigkeit bei älteren Menschen innerhalb ihres sozialen Umfeldes stellt allerdings für eine - meist durchaus erfolgversprechende Therapie - ein erhebliches Hindernis dar.

Während bei jüngeren Menschen die Behandlung oft auf Initiative des Arbeitgebers oder des direkten sozialen Umfeldes geschieht, fallen diese Möglichkeiten bei älteren Menschen aufgrund der sozialen Isolation weitgehend weg. Insbesondere die Familie, Freunde oder Hausärzte setzen sich bei älteren Menschen seltener für eine Therapie ein.

Eine mögliche Behandlung älterer suchtmittelabhängiger Menschen unterscheidet sich in der Praxis nur unwesentlich von der Behandlung jüngerer Patienten. Bei älteren Patienten haben sich insbesondere Therapieformen bewährt, die den oft quälenden Gefühlen von Einsamkeit entgegenwirken und eine sinnerfüllte und positive Freizeitgestaltung vermitteln.

Anschriften von Einrichtungen, die sich auf die Behandlung älterer suchtmittelabhängiger Menschen spezialisiert haben, vermittelt der Suchthilfekoordinator beim Gesundheitsamt

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