Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 18. August 2019

Ausgabe vom 04. April 2000

Lübecks Silber völlig wertlos?

Heringe - einstmals Reichtum der Ostsee - Heute Freizeitvergnügen und Folklore

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Hans Kühn, Thomas Kaitschick, Bernd Kühn und ihre Heringe an Bord der "Neptun"; Foto: M. Erz

Frühjahrszeit ist traditionell auch Heringszeit an der Ostsee. Der silbrige Fisch, der dann in Schwärmen zum Laichen an die Küste und in die Flußläufe zurückkehrt, stellt seit Jahrhunderten einen unglaublichen Reichtum der Natur dar, von dem früher der Wohlstand der Hansestadt Lübeck nicht unbeträchtlich abhing ("Lübecker Silber"). Heute ist das Recht des unbegrenzten Heringsfischens unbedeutend geworden. Einst bewahrte es die Bevölkerung vor dem Verhungern und wurde deshalb von ihr mit Zähnen und Klauen gegen jede Bestrebung der Obrigkeit verteidigt, es abzuschaffen. Ein folkloristisches Anhängsel der High-Tech-Gesellschaft in ganz Deutschland. Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Fischern bevölkertes Dorf mit reetgedeckten Häusern hört nicht auf, Widerstand zu leisten: Gothmund, das beschauliche Fischernest in den Grenzen der ehemals "Freien und Hansestadt Lübeck".

"Wir könnten pro Tag hundert Tonnen Hering aus der Ostsee holen", sagt Thomas Kaitschick auf seinem Kutter "Neptun". "Doch die würde uns niemand abkaufen. Also fangen wir nur für den Eigenbedarf." Kaitschick, einer der wenigen in Gothmund verbliebenen Berufsfischer, fährt in diesen Tagen zusammen mit Hans Kühn und dessen Sohn "Bernie" hinaus auf die Lübecker Bucht, wo die Goth-munder ihr mittelalterliches Recht auf Heringsfang ausüben. Ein Recht, das die Travemünder Kollegen nicht besitzen. Denn als es verliehen wurde, da waren die Travemünder noch Dänen, nicht Lübecker, wie die Vorfahren von Kaitschick. Daß der seinen Fang heute nicht gewinnbringend verkaufen kann, liegt an dem Fehlen von Abnehmern.

Dies bestätigt Ingo Dürkoop, Geschäftsführer der "Fischverwertung Lübecker Bucht, Erzeugergemeinschaft e.G. Travemünde". Den einzigen deutschen Heringsschneidebe-trieb gibt es in Kiel. Die maximal zehn Tonnen Fisch, die dieser Betrieb verarbeiten kann, schaffen Kieler Fischer heran. Der Hering hingegen, den die Lübecker Konservenfirmen verarbeiten, stammt aus Großbetrieben in Dänemark.

Die Gothmunder Berufsfischer verkaufen allenfalls ein paar Kilo Fisch über die Bordkante, so im Travemünder Fischerhafen - ansonsten sind sie, was den Hering angeht, zu reinen Selbstversorgern geworden.

Selbstversorger mit Hering sind auch viele Lübecker, die bei schönem Frühlingswetter an der Trave stehen und angeln. Eine Angel kaufen und einfach mitmachen, geht aber nicht. Jeder Petrijünger braucht einen "Fischereischein", der jährlich verlängert werden muß, und zusätzlich eine "Trave-Karte". Erwischt die Wasserschutzpolizei Angler mit großem Fang und ohne Schein, kann es eine Anzeige geben - wegen "Fischwilderei".

Sobald das Trave-Wasser neun Grad warm ist, zieht der Hering in den salzigen Teil des Flusses. "Guckt man an einem sonnigen Tag die Kaimauer runter, kocht es da unten richtig. Die ganzen Spundwände sind dann voll Laich", sagt Erika Bemba, Inhaberin eines Lübecker Angelgeschäfts. "Heringe sind wirklich doof, die beißen sogar auf einen blanken Haken, der mit ein bißchen Fischhaut garniert ist".

Heringsangeln ist vom
15. März bis zum 30. Mai erlaubt. Kritiker dieser Massenveranstaltung meinen, das sei nur "Kochtopfangeln". "Die Leute packen sich die Kühltruhe für das ganze Jahr voll", sagt einVerkäufer aus einem Angelladen. Es gebe Angler, die es schaffen, 50- oder sogar 100- Liter-Tonnen zu füllen - selbst auf die Gefahr hin, daß die zuerst gefangenen Heringe unten schon vergammeln und abends im Gebüsch enden.

Frank Kling, zuständig für Gewässerökologie im Bereich Naturschutz, hat grundsätzlich nichts gegen die Heringsangler. Die "saisonale Überbevölkerung" des Traveufers bedeutet allerdings, daß über Müll und sonstige Hinterlassenschaften der Angler geklagt wird. Auch zertreten die Massen regelmäßig eine kleine Schilffläche an der Spitze der Herreninsel - gerade dann, wenn die jungen grünen Schilfpflanzen anfangen zu wachsen.

Angeln ist immer noch ein reines Männervergnügen. Die Frau daheim ist dann nützlich, wenn der Fisch geputzt, ausgenommen, gebraten oder eingefroren werden soll.

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