Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 25. April 2019

Ausgabe vom 04. April 2000

Hansestadt sagt der Graffiti-Szene den Kampf an

Projektgruppe beseitigt Schmierereien umgehend - Täter sind Jugendliche aus allen Schichten

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André Holst und Christian Lübke (verdeckt) entfernen mit Lösungsmitteln und Bürste in geduldiger Kleinarbeit das Graffiti; Fotos: N. Löwe (3), M. Erz

An Hauswänden, Brücken, Mauern, Stromkästen und Containern - überall im Stadtgebiet fallen sie ins Auge: Graffiti. Teilweise finden sich die bunten Malereien auf den entlegensten Flächen wieder, so daß sich der Betrachter oftmals fragt, wie der "Maler" dort überhaupt hingekommen ist. Doch längst nicht überall sind diese, im Volksmund eher als Schmierereien bezeichneten Kunstwerke willkommen - vor allem dann nicht, wenn wahllos Hauswände besprüht wurden.

"In zunehmendem Maße führen die Graffiti an den Außenwänden öffentlicher und privater Gebäude zu berechtigter Kritik", sagt Sozialsenatorin Dagmar Pohl-Laukamp. Genau wie Schmutz auf der Straße würden die Graffiti ein unsauberes Stadtbild vermitteln. Deswegen nimmt die Hansestadt Lübeck in einem einjährigen Projekt den Kampf gegen die unerwünschten "Kunstwerke" auf.

Zusammen mit der Polizei, dem Kriminalpräventiven Rat, dem Arbeitsamt und der Ausbildungs- und Beschäftigungs-GmbH (gab) wurde nach rund neunmonatiger Vorbereitung das Projekt zur Beseitigung von Schmierereien und Graffiti vor einem Monat ins Leben gerufen. Sechs junge Menschen unter
25 Jahren und ohne Ausbildung sowie zwei Malergesellen fanden dadurch wieder Arbeit.

Ihre Gehälter werden im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungs- maßnahme vom Arbeitsamt finanziert, die Trägerschaft hat die "gab" übernommen. Rund
10 000 Mark steuert die Stadt zur Anschaffung von Sachmitteln hinzu.

Innenstadt: oberste Priorität

Das Ziel des Projektes ist, die Schmierereien vor allem an öffentlichen Gebäuden möglichst rasch zu entfernen. Dabei hat die Innenstadt oberste Priorität. In Ausnahmen, etwa wenn es das öffentliche Interesse betrifft, könnten auch private Gebäude gereinigt werden, erklärt Pohl-Laukamp. Allerdings werde dies im Einzelfall entschieden. Unabhängig davon können sich die Bürgerinnen und Bürger unter der Rufnummer 58 35 00 bei dem Einsatzkoordinator Erwin Gohl jederzeit Rat holen, wie man Graffiti am besten beseitigt oder sich davor schützen kann.

Der Begriff Graffito (Plural: Graffiti) kommt aus der Archäologie und bedeutet Einkratzen oder Einritzen. In den 70er Jahren entstand in New York diese Erscheinung als subkulturelle Bewegung. Ende der 80er schwappte sie über nach Deutschland - und mit ihr die Sprache der Sprayer und der
ihnen eigene Verhaltenskodex.

Anfangs wurden großflächige buntgestaltete Bilder, sogenannte "pieces" gesprayt; heutzutage werden dagegen haupt- sächlich individuelle Buchstabenkombinationen ("tags") an besonders auffälligen Stellen gezeichnet. Dies geschieht allein deshalb, um in der Szene Berühmtheit ("fame") zu erlangen.

Es geht um den Kick

Im vergangenen Jahr gab es in Lübeck die polizeiliche Ermittlungsgruppe "Graffiti". Sie bearbeitete in nur drei Monaten 171 Straftaten. Gegen 17 Tatverdächtige wurde ermittelt,
151 Straftaten wurden aufgeklärt.

Durch diese intensive Arbeit der vier Schutzbeamten konnte die Polizei einen detaillierten Einblick in die Sprayer-Szene gewinnen. Rund 60 bis 100 Jugendliche, hauptsächlich im Alter von 14 bis 18 Jahren und aus allen sozialen Schichten, sind in Lübeck aktiv, schätzt die Polizei aufgrund der gesammelten Erfahrungen. "Den Sprayern geht es einzig und allein um den Kick, etwas Verbotenes zu tun und dafür Anerkennung in der Szene zu erhalten", sagt Andreas Rosteck, der die Ermittlungsgruppe leitete. Jeder Sprayer habe sein eigenes "tag", das er wie ein Markenzeichen anbringe, anschließend fotografiere und in seiner "black box", dem Fotoalbum, zum Beweis mit sich herumtrage. Zusätzlich hätten sich Gruppen, sogenannte "crews" gebildet, die ebenfalls ihr Erkennungszeichen versprühten. In Lübeck gibt es beispielsweise die "DBF", das heißt "Die bombenden Fruchtzwerge" oder den "DSZ", das bedeutet "Dosen-Sprüh-Zauber". Auf rund
200 000 Mark wird der entstandene Schaden durch Graffiti anhand der vorliegenden Anzeigen im Jahr 1999 geschätzt. Mit zwei bis drei Jahren Haft oder einer Geldstrafe können die meist jugendlichen Straftäter im Höchstfall rechnen.

Zuständig für die Aufnahme einer Strafanzeige ist immer das nächstliegende Polizeirevier.

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