Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 19. Juni 2019

Ausgabe vom 09. Mai 2000

Luftschlacht um England

Preiskrieg um Londonflüge ermöglicht Lübeck-Flughafen den ersehnten Steilflug

1240101.gif
Chief Flight Instructor, Flugkapitän Brendan Davis, 46 (l.) und sein Copilot Foto: M. Erz

Tage wie der vergangene Mittwoch, der 3. Mai, gehen rot unterstrichen in Lübecks Geschichtskalender ein: "Der Flughafen Lübeck-Blankensee gerät ins Zentrum des Luftkrieges um den günstigsten Flugtarif nach England. "Die irische Flugesellschaft Ryanair gibt bekannt, am 1. Juni zunächst zweimal täglich für 69 Mark plus Steuern den Regelflug zwischen Lübeck und London Stansted aufzunehmen und noch im ersten Jahr rund 150 000 Passagiere am Rande von Groß Grönau ein- und auszuchecken", könnte der Eintrag in das Archiv der Hansestadt lauten.

Als gegen 10.30 Uhr der erste Ryanair-Jet offiziell auf der Landebahn aufsetzt, hat sich der Flughafen im Süden der Hansestadt auf das Feinste herausgeputzt. Lübecks umsatzstärkster Straßenmusiker der vergangenen Jahre, Sascha Ohde, 29, kräht zur Gitarre seine populären Hitparadenverschnitte, während rund 30 JournalistInnen und Gäste aus Dublin und London in die Sonne blinzelnd die nagelneue Gangway hinunterklettern.

"Ist das Wetter hier immer so schön?", fragt einer von ihnen in Erinnerung des Londoner Regens, dem er gerade entkommen ist. "Selbstverständlich, so ein Wetter haben wir hier immer". Und während die Crew der funkelnagelneuen Boeing 737-800 um Kapitän Brendan Davis eine Pause in der Kabine einlegt, verkünden im Flughafenrestaurant die Helden des Tages, Flughafen-Chef Dr. Peter Steppe, sein diensthabender Aufsichtsratsvorsitzender Jörg Hundertmark und ein vor Energie platzender Ryanair-Chef Mike O'Leary die Sensation: Der Hin- und Rückflug nach London soll nur 69 Mark kosten.

Diese 69 Mark gelten allerdings nur bei Buchung per Internet und für das reine
Ticket - hinzu kommen 60 Mark Steuern und Gebühren. Macht 129 Mark!

Damit werde die Ryanair, die größte Niedrigpreis-Fluggesellschaft Europas und der Stolz Irlands, unschlagbar sein, sagt O'Leary. Mit der Preissenkung habe man noch einmal auf Hamburger Niedrigpreise reagiert und gezeigt, wer Champion im Niedrigpreis-Ring sei.

Für Lübecks Airport, entstanden als Militärflughafen im Jahre 1917, ausgebaut von der britischen Luftwaffe während der Berlin-Blockade und seit Abzug der Briten im Besitz der Hansestadt Lübeck, stellt der Einstieg der boomenden Flug- gesellschaft Ryanair den lang ersehnten Durchbruch dar: "Hamburg Lübeck" (IATA-Kennung lbc) ist nicht länger reiner
Charterflughafen, der ein paar Sonnenhungrige in die Hotels nach Mallorca, Kreta und Gran Canaria schafft, sondern ist ab dem 1. Juni ein wichtiger Linien-Airport. Die ehemals Freie und Hansestadt Lübeck, die eine große Bedeutung bei der Entwicklung der deutschen Luftfahrt hat, knüpft damit an eine große Tradition an, die einstmals auf den Flugfel dern auf dem Priwall und in Karlshof begann. "Heute ist ein sehr großer Tag für den Lübecker Flughafen und ein wichtiger Tag für Lübeck", strahlte Jörg Hundertmark, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender und SPD Mitglied der Bürgerschaft. "Wir erhalten damit erstmals Anschluß an das Internationale Flugnetz." Und sein Geschäftsführer Steppe, sonst kein Mann blumiger Worte, läßt sich zu dem Satz hinreißen: "Wir haben jetzt eine wirklich attraktive Linienverbindung."

Diesen Wiederaufstieg in die erste Liga des deutschen Flug-wesens hat sich Lübeck teuer erkauft. Insgesamt 13,7 Millionen Mark an Investitionen haben Steppe und seine Leute in den vergangenen Jahren bewegt, das Ankunfts- und Abfluggebäude völlig neu gebaut - das gleiche mit der Flughafentechnik, dem Tower und den Nebengebäuden angestellt, Geräte beschafft, Mitarbeiter eingestellt und ausgebildet. "Die Landebahn ist ein wenig zu kurz", ist Co-Pilot Tim O'Caffee dennoch nicht ganz zufrieden mit dem neuen Flugplatz. "Wenn wir voll beladen sind, ist es mit unserer Maschine nicht ganz einfach", sagt er.

Dieses Problem ist auch Hundertmark bekannt. Er hofft, daß der Aufsichtsrat so bald wie möglich die Genehmigung geben könne, die Landebahn in Richtung Westen auszubauen.

Steppe ist es um die Zukunft seines Flughafens nicht bange. Mit Bahn, Bus und demnächst auch Autobahnanschluß verfügt er über eine hervorragende Ausgangsposition im Kampf um weitere Fluggesellschaften - und somit um Einnahmen, die nach Jahren der Investition dringend herbeigesehnt werden.

An dem Tag, an dem alles beginnt und die Gäste nach knapp zwei Stunden wieder Richtung London entschweben, schwelgt einer noch in großen Lübecker Erinnerungen: "Ich sehe den Tag heute als eine Fortsetzung der Entwicklung, die mit der Gründung des Stalhofes durch die Hanse in London begann", sagt Hundertmark. "Dies wird jetzt durch eine zeitgemäße Variante fortgeschrieben: Die Weltstadt und Wirtschaftsmetropole London und Lübeck rücken wieder näher zusammen!"

Und Ryanair Boß O'Leary, ein schlipsloser junger Dynamiker, ergänzt: "Das wird ein großer Erfolg, da sind wir ganz sicher. London wird nicht unsere einzige Lübeck-Linie bleiben."

Weitere Infos im Internet: www.ryanair.com

www.flughafen-luebeck.de

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de