Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 25. April 2019

Ausgabe vom 09. Mai 2000

Ehemalige Weizenmühle ist modernes Kraftwerk

Gefälle Mühlenteich - Trave ermöglicht Stromerzeugung - Teil vier der Serie "Regenerative Energien"

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Ingo Leopold, Leiter des Bereichs Anlagen Strom, vor dem Schwungrad (li.): Ein Lederriemen berträgt die Kraft in den Generator. Das Wehr zwischen Mühlenteich und Trave (re. o.), Unten: Die Antriebsturbine mit Flügeln Fotos: N. Dorel (2), E. Weiß (2)

Die Wasserkraft ist eine der ältesten Energiequellen. In früheren Zeiten wurde sie beispielsweise zum Antrieb von Mühlen, Sägewerken, Blasebälgen und Hammerwerken genutzt. Bis zum 1. Oktober 1955 wurde in Lübeck in den Gebäuden der städtischen Mühlen am Mühlendamm Weizen und Roggen gemahlen. Fast sind sie in Vergessenheit geraten, bis 1990 die Stadtwerke in der alten Mühle ein modernes und das bisher einzige Wasserkraftwerk in Lübeck einrichteten.

Zwar ist vielen Lübeckerinnen und Lübeckern das Überlauf-Wehr vom Mühlenteich in die Trave, über das eine Brücke führt, bekannt, doch das eigentlich Spannende findet rund 50 Meter weiter statt. Seit Januar 1991 wird in der 152 Jahre alten Weizenmühle Strom erzeugt. Für rund 360 000 Mark wurde die technische Einrichtung gänzlich erneuert sowie das Gebäude überholt.

Das Werk befindet sich am Abfluß des Mühlenteiches in die Trave. Die maximale Wasserdurchflußmenge beträgt rund 3,6 Kubikmeter pro Sekunde bei einer Fallhöhe von zwei Metern bis 2,4 Metern. Die Fallhöhe ist vom Rückstau - Hochwasser in der Ostsee - abhängig. Den Generator mit einer Leistung von 75 Kilowatt treibt eine Francis-Schacht-Turbine an.

Diese Reaktions- oder Überdruckturbine entwickelte1849 der britische Ingenieur James Francis. Sie beruht im Prinzip auf der Umkehrung der Schiffsschraubenwirkung. Das Laufrad befindet sich zwischen spiralförmig angeordneten, tragflügelähnlichen Leitschaufeln. Diese lenken das zuströmende Wasser in das Laufrad. Durch die Strömung des Wassers beginnt das Laufrad sich zu drehen.

Bei 72 Umdrehungen pro Minute erbringt das Laufrad die optimale Leistung. Um dies zu gewährleisten, verstellen sich die Flügel je nach Wasserdruck automatisch. Über eine Welle wird die Kraft auf ein Schwungrad übertragen. Ein überdimensionaler Lederriemen, ähnlich einem Keilriemen, treibt den Generator an.

Die Leistung des Werkes ist stark abhängig vom Wasserzufluß. Bei wenig Niederschlägen sinkt die Zuflußmenge von der Wakenitz zum Mühlenteich, weniger Wasser darf abfließen. Der Wasserstand muß konstant gehalten werden: Das Gemäuer der umliegenden Keller hat seit Jahrzehnten eine gewisse Grundfeuchte. Sinkt der Wasserspiegel trocknen sie aus und es könnten Schäden entstehen. Gleichzeitig soll es aber auch nicht zu Überflutungen kommen. Somit bleibt ein Spielraum von nur 40 Zentimetern.

Bei günstigen Niederschlags-mengen wird eine Jahresstromerzeugung von bis zu 350 000 Kilowattstunden erreicht, die direkt in das Netz der Stadtwerke eingespeist wird.

Bevor mit dem Bau des Wasserkraftwerks begonnen werden konnte, mußten einige "Hindernisse" aus dem Weg geräumt werden: So mußte zum einen sichergestellt werden, daß die Fischrechte einer Fischereigenossenschaft nicht beeinträchtigt werden. Zum anderen galt es, das Recht der Wassernutzung vom damaligen Umweltamt zu erhalten.

Mühlen haben Tradition

Schon im Mittelalter wurde per Vertrag geregelt, wer Wasser stauen und nutzen darf. So zahlte 1291 die Stadt Lübeck 2657 Mark Lübsch und acht Schilling (600 000 Mark) an den Herzog von Sachsen und 200 Mark Lübsch (50 000 Mark) an den Bischof von Ratzeburg für das Recht, die Wakenitz bis zur festgesetzten Höhe eines Staumals zu stauen.

Anfang des 16. Jahrhunderts gab es am Mühlendamm fünf Mühlen: Die Malzmühle, die Grütz- oder Neumühle, die Brockmühle, die Endemühle und die Flutmühle. 1532 kam als sechste Mühle die Walkmühle zum Walken der Tuche für Tuchmacher hinzu. Sie wurde 1667 abgerissen. 1774 wurden die Brock- und Endemühle zu einer Mühle vereinigt. Nach und nach wurden die Mühlen abgerissen, die dazugehörigen Fleete zugeschüttet. Die heute noch stehenden Mühlen wurden 1848 erbaut.

In der nächsten Folge:

Müll zur Gasproduktion

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