Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 20. April 2019

Ausgabe vom 27. Januar 1998

Verkaufen statt Jammern

Straßenmagazin "Bessere Zeiten" zieht nach einem Jahr Bestehen Bilanz

0090303.gif
Heinz Jürß verkauft an seinem Stammplatz in der Innenstadt.; Foto: C. Przywara

"Schon 50 Mark mehr im Monat können helfen", sagt "Bessere Zeiten"-Verkäuferin Helga Gronau. Die 55jährige ist eine von rund zehn Sozial- oder Arbeitslosenhilfeempfängern, die die Gelegenheit beim Schopf gepackt haben und sich bei dem Straßenmagazin ein wenig dazuverdienen.

Helga Gronau ist nach einer Krebs-operation erwerbsunfähig geworden und bezieht seit zweieinhalb Jahren Rente. "Ich habe 31 Jahre gearbeitet, meist aber wegen der Kinder nur halbtags", erklärt sie. ,,Jetzt bekomme ich 800 Mark monatlich. Das reicht noch nicht einmal für die Miete." Die Mitarbeiter des seit einem Jahr existierenden Magazins wollen aber laut Herausgeber Andreas Pahlke nicht ein "Endzeitgejammer" anstimmen, sondern ihre Hoffnungslosigkeit überwinden. "Ich habe schon gesehen, daß Leute in der Arbeitslosigkeit förmlich verfallen", sagt der Bereichsleiter für soziale Hilfen bei den Vorwerker Heimen. "Die Beschäftigung, der Kontakt mit Gleichgesinnten und kleine Erfolgserlebnisse reißen sie aus dieser Lethargie und geben ihnen Selbstbewußtsein."

Offen soziale Schwäche zeigen

Barbara Dehn, deren Stelle seit einem halben Jahr von der Bundesanstalt für Arbeit finanziert wird, schreibt Artikel, überarbeitet Texte von anderen, macht das Layout und den Anzeigenverkauf, ist die Fachfrau am Computer und Ansprechpartnerin für die Mitarbeiter. "Ich bewundere die Verkäufer", erklärt sie. "Schließlich müssen sie offen zeigen, daß sie sozial schwach sind; und das in einer Stadt mit ausgeprägtem hanseatischen Selbstbewußtsein."

Die meisten Erfahrungen der Mitarbeiter sind aber positiv. "Solange keine Passanten belästigt werden, haben wir eigentlich fast nie Schwierigkeiten", berichtet Heinz Jürß. Er ist jeden Tag vier bis fünf Stunden in der Innenstadt, mitunter verkauft er in drei Stunden nur zwei Magazine. Allerdings gebe es auch Tage, an denen das Geschäft besser floriere. Zwei Mark bezahlen die Kunden für ein Exemplar, davon wandert eine Mark in die Taschen der Verkäufer.

Mitarbeiter Andreas Oeser hat ebenfalls überwiegend positive Erfahrungen gemacht, aber mit der Polizei ist ihm auch schon gedroht worden, und als "arbeitsscheues Gesindel" mußte sich schon so mancher Straßenverkäufer bepöbeln lassen. Oeser war früher im Einzelhandel tätig, wurde dann berufs-unfähig und war zwei Jahre arbeitslos. Als im vergangenen Sommer das Geld zu knapp wurde, ging er betteln, kurz darauf stieß er durch einen glücklichen Zufall auf die Leute von "Bessere Zeiten". Heute verkauft er das Magazin und schreibt auch eifrig Artikel.

Das Magazin erscheint inzwischen zweimonatlich und hat eine Auflage von 4000 Stück - die Druckkosten werden durch Verkauf, Anzeigen und Zuschüsse von Förderern gedeckt. Themen des Blattes waren bislang unter anderem Schulden, Alkohol, Freundschaft und Selbsthilfe. "Aber", so Sozialarbeiter Friedhelm Lücke, "wir wollen kein Jammerblatt sein. Es wird auch über den Naturschutz berichtet, es gibt Comics und Rätsel." Wer Interesse hat, das Straßenmagazin zu verkaufen, kann sich entweder unter Telefon 7 06 26 21 oder direkt in der städtischen Zentralen Beratungsstelle in der Wahmstraße 60 melden. Dort treffen sich die Mitarbeiter jeden Dienstag zwischen 13.30 und 15 Uhr zum Erfahrungsaustausch und einem späten Frühstück.

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de