Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 26. April 2019

Ausgabe vom 06. Juni 2000

Eine einzigartige Sammlung

Hansestadt Lübeck kauft für 2,5 Millionen Mark Silberschatz

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Modernstes Design aus dem 17. Jahrhundert: Eine Kugeldose von 1670 - Objekt Nr. 38 der Sammlung; Foto: St.Annen-Museum

Bürgermeister Bernd Saxe hat mit seiner Unterschrift unter den Kaufvertrag am Mittwoch vergangener Woche in allerletzter Minute den Ankauf einer wertvollen Lübecker Silbersammlung aus Privatbesitz ermöglicht. Um zu verhindern, daß ein anderer Bieter den Zuschlag erhält, muß die Hansestadt einen Kaufpreis von 2,5 Millionen Mark entrichten.

Zur Zeit verhandelt sie mit Lübecker Banken über eine günstige Zwischenfinanzierung. "Wir hoffen aber, daß der größte Teil der Summe durch Spenden und Zuschüsse aufgebracht werden kann, um die eingesetzten Haushaltsmittel so gering wie möglich zu halten," sagte Saxe am Freitag vor der Presse. Wer die Hansestadt Lübeck bei diesem wichtigen Projekt finanziell unterstützen möchte, kann sich an die Bürgermeisterkanzlei oder an Kultursenator Ulrich Meyenborg wenden.

Ehemals Patrizierbesitz

Die als "Lübecker Silberschatz" bekannte Sammlung besteht aus insgesamt 72 Krügen, Kannen, Pokalen, Humpen, Schalen, Dosen und Prunktellern, die von Lübecker Silberschmieden im 16. bis 19. Jahrhundert gefertigt wurden. Sie stammt ursprünglich aus dem Besitz einer alten Lübecker Patrizierfamilie. Der "Silberschatz" wurde vor Unterzeichnung des Kaufvertrages von zwei Experten der Kulturstiftung für historisches Silber der Länder in Augenschein genommen. Dies war unter anderem eine Auflage, um mögliche Gelder vom Land und vom Bund für den Ankauf zu bekommen.

Laut Gutachten der Experten stellt der "Silberschatz" "eine einzigartige geschlossene Sammlung" dar, "wie sie in solchem Umfang, in solcher Qualität und mit solcher kunsthistorischen geschichtlichen Aussagekraft nur in langen Jahren mit außerordentlichem Einsatz und großer Kennerschaft aufgebaut werden kann und heute zweifellos nicht mehr zusammenzustellen wäre," so Gutachter Dr. Lorenz Seelig. Der Erwerb sei für das Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck "von überragender Bedeutung" und werde daher "mit allem Nachdruck befürwortet".

Es fehlen noch Spenden

Da die Hansestadt die Summe von 2,5 Millionen Mark nicht allein aufbringen kann, hat sie zusammen mit dem schleswig-holsteinischen Kulturministerium einen Finanzierungsplan aufgestellt, nach dem sich die Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein, weitere Stiftungen und Sponsoren, die Kulturstiftung der Länder und der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien an den Kosten beteiligen sollen. "Wir hoffen auf die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger, damit die Sammlung als kulturelles Erbe für unsere Stadt endgültig gesichert werden kann", sagte Kultursenator Ulrich Meyenborg.

Und so spannend wie die Finanzierung jetzt wird, ist die Geschichte, wie der "Schatz" für die Hansestadt gerettet wurde.

Die Geschichte der Rückkehrer des Lübecker Silberschatzes an die Trave beginnt in Köln-Hürth. Hier hat die Firma KEO Park Medienproduktion ihren Sitz. Das Unternehmen wurde Anfang des Jahres mit einer filmischen und fotografischen Dokumentation der Sammlung beauftragt. Glück für Lübeck: Geschäftsführer Hans-Jürgen Wichert war nach eigenen Angaben zuvor zehn Jahre Museumsdirektor und erkannte daher dank seines Fachwissens sofort, welchen "Schatz" er da vor sich hatte. Und so meldete sich sofort der Wissenschaftler in ihm, der ihm sagte: Diese Sammlung gehört nach Lübeck. Der geplante Verkauf der Sammlung ins Ausland wäre "eine der bedeutendsten Kulturabwanderungen der letzten 100 Jahre" geworden, so Wichert. Denn für ihn ist sie "die hochkarätigste Sammlung dieser Art auf der Welt."

Und dies nicht nur wegen der Exponate selbst. Denn die Ansammlung durch die Lübecker Familie bedeute damit auch "ein Kapitel Lübecker Sammelgeschichte", denn die Urbesitzer fertigten Aufzeichnungen über jedes Stück an; vor allem wo, wie und wann diese Teile jeweils in ihren Besitz kamen.

Sieben Kaufangebote

Wichert nahm sofort Kontakt zu Kultursenator Meyenborg auf und zugleich mit der Landesregierung. Die jetzigen Besitzer konnte er zunächst dazu bewegen, vom geplanten schnellen Verkauf abzusehen. Doch innerhalb der Erbengemeinschaft - 1978 übergab der Urgroßvater der Lübecker Familie die komplette Sammlung einem befreundeten Sammler in Belgien, der sie wiederum seinen Nachkommen hinterließ - gab es auch eine Stimme, die auf einen raschen Verkauf drängelte. Sieben Kaufangebote sollen vorgelegen haben - von vier amerikanischen Museen und drei Privatpersonen.

Daraufhin versuchte Wichert einen Trick: Er bat die Besitzer, die Sammlung, die zur Zeit noch in Brüssel lagert, "wegen der Dokumentation" nach Köln holen zu dürfen. Auf deutschem Boden hätte man sie dann sofort unter Denkmalschutz stellen können - ein Verkauf wäre dann nicht mehr möglich gewesen. Doch die Erben ließen sich nicht auf diesen Vorschlag ein.

Die Zeit drängte immer mehr, bis zum 30. Juni wollten die Besitzer eine verbindliche Kaufzusage. Allerdings wollten sie zunächst elf Millionen Mark für die Sammlung haben. Eine Summe, die Lübeck auch im Verbund mit weiteren Finanziers vermutlich nicht hätte aufbringen können.

In "langwierigen und schwierigen Verhandlungen" über Anwälte und auch unter Zuhilfenahme des Bereichs Recht, lautete die Forderung der Besitzer schließlich: 3,3 Millionen Mark. Das hätte ein von den Erben eingesetzter Gutachter als Verkaufswert geschätzt.

Diese Summe gab der Bürgermeister im April in einer Eil-entscheidung frei und ließ sich diese Entscheidung im nachhinein von der Bürgerschaft bestätigen (wir berichteten).

Doch als Anfang vergangener Woche die Gutachten eintrafen, die unabhängig voneinander jeweils einen Wert von 2,1 beziehungsweise 2,2 Millionen Mark ermittelt hatten, trat Bürgermeister Saxe auf die Bremse. Immerhin gehe es um öffentliche Gelder, da könne man nicht jeden Preis zahlen.

Zunächst sah es daher am Mittwoch morgen so aus, daß alle Bemühungen vergebens waren, Lübecks definitiv letztes Angebot lautete 2, 5 Millionen Mark. Am späten Nachmittag wurde dann der Kaufvertrag von beiden Seiten unterzeichnet. Der Schatz für Lübeck war gerettet.

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