Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 23. Februar 2019

Ausgabe vom 06. Juni 2000

GeistReich

Rechthaberle und Linksruckerle

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Mit und von Jonas Geist

Es gibt rechts schreiben, ob es auch links schreiben gibt? Adenauer ging noch einen Schritt weiter und formulierte, mir unvergeßlich: "Ich spiele Boggia mit rechts, weil rechts was mit richtig zu tun hat." Soweit der große katholische Vereinfacher aus dem Rheinland.

Es gibt Menschen, die zwei linke Hände haben; und es gibt viele, die zum Recht haben neigen, eine Sportart, die noch nicht zu den olympischen zählt. Das wäre für Deutschland eine sichere Triplette Gold-Silber-Bronze, ohne dabei gleich an 1936 zu denken.

Spätestens an dieser Stelle müßte mein treuester Leser, der sich in Stockelsdorf orten läßt, aufjaulen wie das von Hunden gejagte Wildschwein auf einem der beliebtesten Schlafzimmermotive.

Ihm verdanke ich viele klitzekleine Hinweise auf Ungenauigkeiten, und das ausgerechnet bei einem Spaziergang am Brodthener Ufer, so daß ich meine Mühe werde verdoppeln müssen, ihn doch ein wenig zu unterhalten.

Denn nichts ist interessanter in der Kulturgeschichte als der Gegensatz zwischen rechts und links,wohinter sich mühelos der von Mann und Frau verbirgt, und wo sie am Feuer liegen im urgesellschaftlichen Zelt, sich die Plätze teilen mit den anderen Generationen.

Denn können sie sich noch erinnern, wie früher im männlichen Dom oder in der weiblichen Marienkirche der Mann rechts und die Frau links saß oder umgekehrt?

In manchen Dorfkirchen in Ostfriesland soll es heute noch so sein, wie mir eine Studentin berichtete.

Man sollte zwar die Kirche im Dorf lassen, aber einmal darauf gestoßen, verfolgt einen der Gedanke.

Die alle Gebäude durchziehende Symmetrieachse als Geschlechtertauscher als Folge kosmischer Beobachtungen hat noch keine eingehende Analyse erfahren, dabei ist sie absolut bestimmend für die Organisation aller Bautypen - es gibt keine asymmetrische Architektur, das steht uns vielleicht noch bevor. Und die, die es probeweise mal versuchen, stoßen mit der Struktur der Schöpfung insgesamt zusammen und verstehen nichts mehr.

Wenn man liest, daß jeder sechste Deutsche wieder glaubt, daß die Sonne sich um die Erde dreht, könnte man denken, es geht alles wieder von vorne los.

Jetzt weiß ich, warum mich diese Terrakotta von einem Lübecker Altstadtkamin, den ich mal auf einer Baustelle gefunden und im St. Annen Museum geortet habe, mit der Darstellung eines Hermaphroditen aus der Werkstatt des Statius von Düren wie ein Talisman begleitet - wo doch die Mutter der Nation, Inge Meysel, die gerade ihren 90. Geburtstag gefeiert hat, allen auch bisexuelle Erfahrungen empfiehlt zur Erweiterung des Horizonts.

Also:An die Arbeit,wenn es noch nicht zu spät ist.

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