Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 18. Februar 2019

Ausgabe vom 06. Juni 2000

Aus Müll von Niemark wird Strom und Wärme

Über 129 Millionen Kilowattstunden aus Abfällen gewonnen - Teil fünf der Serie "Regenerative Energien"

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Andreas Seeger (li.) kontrolliert die Gasqualität im Brunnen auf der Deponie. Fünf Kilometer weiter berprüft Josef Wystrach einen der vier Gasmotoren im BHKW (o.) und erklärt der Auszubildenden Jessica Buch den technischen Ablauf; Fotos (4): N. Dorel

Möwen und Krähen kreisen wie die Geier in der Luft: Die lübsche Mülldeponie Niemark bei Krummesse ist eine verlockende Futterquelle. Rund 7,4 Millionen Kubikmeter Müll - das entspricht rund 6,5 Millionen Tonnen - sind auf der größten Deponie Schleswig-Holsteins bisher eingelagert. Und ständig kommt neuer Müll hinzu: 15 Müllautos der Entsorgungsbetriebe Lübeck laden täglich 280 Tonnen Restabfall aus Haushalten und Gewerbebetrieben hier ab.

Etwa 75 Prozent der insgesamt 50 Hektar großen Deponie sind seit 1963 ausgeschöpft worden. Zum Vergleich: Die Deponie Schönberg umfaßt 160 Hektar. An der höchsten Stelle türmt sich auf Niemark der Müll 56 Meter hoch - ein kleiner Berg, übersät mit Leitungen, Brunnen und Sammelstationen. Dieser Teil der Deponie soll in diesem Sommer wasser- und gasdicht versiegelt und durch Bepflanzung der Landschaft angepaßt werden. An seinem Fuße entsteht ein neuer Hügel. Rund 2,4 Millionen Kubikmeter Müll können hier in den nächsten Jahren noch gelagert werden.

Doch Müll bleibt nicht gleich Müll. Wasser und Sauerstoff führen dazu, daß sich die organischen Abfälle verändern - Mikroorganismen, hauptsächlich Bakterien, nehmen ihre Arbeit im Inneren des Deponiekörpers auf. Sie zersetzen die organische Substanz in aeroben (unter Sauerstoffzufuhr) und anaeroben (ohne Sauerstoff) biologischen Prozessen unter anderem zu Ammoniak, Sulfiden und Nitraten. Dabei wird aber auch Kohlendioxid (CO2) und Methan (CH4) freigesetzt - sogenanntes Deponiegas, das stark umweltbelastend ist. Speziell die im Gas transportierten Spurenstoffe haben insgesamt eine erhebliche giftige Wirkung auf Mensch und Natur. Noch bis Februar 1983 entwich das Deponiegas unbehandelt in die Atmosphäre.

Mehrere Wissenschaftler entdeckten bereits 1974, daß aufgrund der biologischen Prozesse auf Deponien Gase entstehen. Die Nutzung war aber noch unklar. Immer wieder kam es zu größeren Bränden - Knallgas, ein explosives Gemisch aus Me-than und Sauerstoff war oftmals der Auslöser.

Bereits 1983 startete man auf Niemark einen Versuch, die Gase abzuleiten, um die Sicherheit zu erhöhen: Man bohrte ein fünf Meter langes Stahlrohr in den Deponiekörper und hielt ein Feuerzeug an dessen Ende - es brannte. Das war der Startschuß für die Gasfackel. Bis 1990 wurde das entströmende Methangas abgebrannt.

Im Februar 1990 wurde die Deponiegasverwertungsanlage Niemark in Betrieb genommen. Das flüchtige Methangas wird zur Stromerzeugung genutzt. Über eine fünf Kilometer lange Fernleitung wird das Gas in die Malmöstraße zur Verwertungsanlage befördert. Das Deponiegas dient zum Antrieb von vier Gasmotoren, die ihrerseits Generatoren antreiben - das Blockheizkraftwerk (BHKW). So entsteht elektrische Energie und nutzbare Abwärme. Die erzeugte elektrische Energie wird unter Nutzung des Eigenbedarfs in das öffentliche Stromnetz der Stadtwerke Lübeck eingespeist. Die thermische Energie wird zu Heiz- und Prozeßwärmezwecken in der näheren Umgebung in Gewerbe, Industrie und mehreren Wohneinheiten eingesetzt. Rund 129 Millionen Kilowattstunden hat die Anlage bisher erzeugt. Ein Drei-Personen-Haushalt benötigt jährlich im Schnitt 3500 Kilowattstunden.

"Die Anlage läuft sehr zuverlässig - nur bei kaltem Wind und Regen reagiert die Biologie empfindlich, die Gasproduktion läßt dann nach", erklärt Andreas Seeger, Planungsingenieur für Deponietechnik bei den Entsorgungsbetrieben. Insgesamt drei Mitarbeiter der Entsorgungsbetriebe kontrollieren ständig den Ablauf.

Durch die geplante Versiegelung der Deponie Niemark wird noch bis zu zehn Jahre danach das Deponiegas zur energetischen Nutzung verwendet werden können, schätzen die Experten. Dann wird der Anteil von Methan im Gas zu gering werden. Wie dann das Restgas verwertet werden kann, wird zur Zeit noch entwickelt.

Rund zwei Jahre wird es dauern, bis auch ein neuer Müllabschnitt Deponiegas zur weiteren Verwertung liefert.

In der letzten Folge:

Aus Schlamm wird Strom

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