Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 19. April 2019

Ausgabe vom 03. Februar 1998

Diese verflixte Gangschaltung!

Multikulturelle Fahrradwerkstatt braucht Nachschub - Zum Jahresanfang Leihräder ausgemustert

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Spezialisiert auf Drahtesel: Irfan Gül und Bülent Atmaca (v.l.; Foto: Leihcycle

Nina pfeffert den Schraubenschlüssel in die Ecke. Diese verflixte Gangschaltung! Fahrradmechaniker Christian Weinert hebt kurz den Kopf und lugt zwischen den Fahrradspeichen durch, ob es sich um etwas Ernstes handelt. Aber da ist Ismail schon neben ihr, schnappt sich ein Werkzeug aus dem Wagen, zwinkert Nina zu, dann zwei, drei Handgriffe, die Kette spannt sich, Ismail schubst das Rad an, es surrt und dreht sich, die Kette tut, was sie soll, sie springt auf die nächste Ritze. Kunststück, Gangschaltungen sind Ismails Spezialität.

Multikulturelles Funkensprühen

In dem alten Schuppen in der Schwartauer Allee, wo einst die Polizeiwache untergebracht war, sprühen Funken, hämmert und quietscht es, fluchen und scherzen eine Handvoll Jugendliche auf deutsch, auf türkisch, oder in irgendeiner anderen Sprache. Was sie verbindet: Die gemeinsame Sache, die Fahrradwerkstatt Leihcycle. Die Initiative ist eine Einrichtung des Jugendzentrums Burgtor und hat hier seit gut zwölf Jahren ihr Quartier. Sie ist munter wie eh und je, nur leider, leider ist den schraub- und reparierwütigen Hobbymechanikern der "Stoff" ausgegangen. "Wir brauchen dringend neue Fahrräder," stöhnt Ismail, "denn am Anfang des Jahres ist immer Kehraus." Da werden die alten Räder ausgemustert und das sind nicht wenige, denn der Verschleiß der Leihräder ist hoch. Seit kur-zem stellt Leihcycle seine Fortbewegungsmittel den beiden Jugendherbergen Klingberg und Dassow zur Verfügung, mitunter werden die Drahtesel auch gegen eine Spende abgegeben.

Engagement eröffnet Chancen

Das Warten und die Reparatur der Leihräder übernehmen die Jugendlichen, sie arbeiten ehrenamtlich, je nach Engagement erhalten sie ein Taschengeld. Zweiradbesitzer können in der Werkstatt nach dem Do-it-yourself-Prinzip auch selbst Hand anlegen, wenn etwas nicht mehr funktioniert. Die Jugendlichen stehen ihnen dann hilfreich zur Seite, geben ihr von Christian Weinert erworbenes Wissen weiter. "Die Idee dahinter war," erklärt Sozialpädagoge Jens Blöcker "wir wollten die Jugendlichen von der Straße holen, ihnen eine Alternative bieten zur Arbeitslosigkeit." Über die Fahrradwerkstatt gelingt es nicht nur, die Jugendlichen zu beschäftigen, sondern sie auch zu qualifizieren und ihnen berufliche Perspektiven zu eröffnen. "Vor kurzem erst," freut sich Blöcker, "hat einer von unseren Jugendlichen eine Lehrstelle als Autoschlosser angefangen."

Das Arbeitsamt, die gab, das Jugend-aufbauwerk Innenstadt, sie alle kennen das Leihcycle und wissen, daß dort engagierte junge Leute arbeiten. Deshalb vermitteln sie auch gerne die Jugendlichen oder umgekehrt, leiten Anfragen von Arbeitgebern weiter. Auch die Saisonjobvermittlung klopft regelmäßig bei dem Projekt an, um Arbeitskräfte nachzufragen. Denn schließlich haben die Jugendlichen dort wichtige Erfahrungen gemacht: Neben den handwerklichen Fähigkeiten haben sie ganz nebenbei auch ein friedliches Miteinander und soziale Kompetenz erlernt. Die Kontakte untereinander, das empfinden auch die Jugendlichen so, sind wichtig, um Probleme zu besprechen und sich gegenseitig zu unterstützen. Außerdem können sie sich an Jens Blöcker wenden: "Die kommen mit Fragen an: wie kann ich das Rauchen aufhören, Jens, gib mir mal Tips, oder auch: was können wir tun gegen Arbeitslosigkeit." Da sind die Antworten nicht immer einfach. Eins zumindest können aber die Leser und Leserinnen der Stadtzeitung tun: Sie können dem Leihcycle ein Fahrrad spenden. Willkommen sind natürlich auch gut erhaltene Räder. Kontakt: Tel. 42660.

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