Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 27. Mai 2019

Ausgabe vom 01. August 2000

"Ich will auf die Lübecker zugehen"

Bürgermeister Bernd Saxe informierte sich einen Tag lang über die Probleme in Moisling - Öffentliche Sprechstunde

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Spontanes Ständchen beim Blasorchester Lübeck in entspannter Atmosphäre: Während der Bürgermeister seine Musizierkünste am Schlagzeug vorführt, gibt Böhning ein fröhliches Lied auf der Querflöte zum Besten; Foto: N. Dorel

Sieben Stunden hat Bürgermeister Bernd Saxe sich vergangenen Dienstag Zeit genommen. Sieben Stunden, um das Leben, die kleinen und großen Nöte der Bürgerinnen und Bürger des Stadtteils Moisling im persönlichen Gespräch kennenzulernen. Eng hintereinander liegen die Termine, einzelne Stationen, die er besuchen will, um sich vor Ort ein Bild über die Situation zu verschaffen.

Begleitet wird er an diesem Tag vom Leiter der Bürgermeisterkanzlei, Gerhard Burmester. Und auch das Bürgerschaftsmitglied Lienhard Böhning (SPD), dem sein Wahlkreis besonders am Herzen liegt und der zusammen mit Burmester das Programm erarbeitete, nimmt am Rundgang teil.

Mit heißem Kaffee und Gebäck empfangen die vier Mitarbeiterinnen des Moislinger Stadtteilbüros am Morgen die drei Herren. Nach einem informativen Gespräch geht es weiter zur Kindertagesstätte Brüder-Grimm-Ring, wo rund 35 Jungen und Mädchen die kleine Delegation in Empfang nehmen. Mit lautstarkem "Tschüß, Herr Bürgermeister, bis bald!" verabschieden die Kinder nach einem ausführlichen Rundgang Saxe und Begleitung. (siehe unten)

Beispielhaftes Vereinsleben

Schnurstracks geht es quer über die Straße zum Vereinshaus des Blasorchesters Lübeck in der Spielvereinigung Moisling 86 auf dem Schulhof der Realschule. "Beispielhaftes Vereinsleben" steht auf dem Programm - ein wichtiger Bestandteil in diesem Stadtteil, der mit vielen Sozialhilfeempfängern und rund 15 Prozent Arbeitslosigkeit leicht über dem Lübecker Durchschnitt liegt. "Wir arbeiten eng mit der Schule zusammen und bieten Jugendlichen eine sinnvolle Freizeitmöglichkeit", erklärt Dieter Bölsch, Leiter des Blasorchester.

Doch schon nach kurzer Zeit wartet der nächste Programmpunkt: Wo kann in Zukunft das Moislinger Schützenfest (siehe unten) stattfinden? Nach einer Ortsbesichtigung und Gespräch mit Vertretern der Vereine warten schon die Moislinger Anwohnerinnen und Anwohner auf den Bürgermeister. Rund zwei Stunden steht Saxe im Freizeitheim Rede und Antwort - ansprechbar für jedermann.

Ohne Umschweife und große Worte tragen elf Moislinger nacheinander ihre Anliegen vor. Mit ernster Miene hört sich Saxe die großen und kleinen Sorgen der Bürgerinnen und Bürger an. So erfährt er beispielsweise von den finanziellen Problemen der pädagogischen Einrichtung "Lernraupe", vom Wunsch, die Niendorfer Straße als Tempo-30-Zone einzurichten oder vom Müll, der überall herumliegt und die Anwohner ärgert.

Die Wünsche und auch die Kritik notiert derweil Gerhard Burmester, um diese innerhalb der Stadtverwaltung weiterzuleiten. Schriftlich erhalten die Bürgerinnen und Bürger dann eine ausführliche Antwort.

Nach sieben Stunden geht die Stadtteiltour zu Ende - die erste von vielen. Denn "ich will auf alle Bürgerinnen und Bürger zugehen, und nicht warten, bis sie mit ihren Sorgen zu mir kommen", begründet Bernd Saxe die Aktion.

Nächste Tour am 20. Oktober

Nacheinander will er alle Stadtteile "bereisen" - immer in Kombination mit einer Bürgersprechstunde. Und der nächste Termin steht schon fest: Am
20. Oktober geht es wieder auf Tour. Diesmal wahrscheinlich nach Vorwerk.

Auf Moisling fiel die Wahl, da "ich das Gefühl habe, die Bürgerinnen und Bürger fühlen sich hier, ähnlich wie in Travemünde, politisch im Abseits", so Saxe. Allerdings hat Travemünde durch verschiedene Organisationen eine starke Lobby - das sei in Moisling anders. Aufgrund des hohen Ausländeranteils, der überdurchschnittlichen Arbeits-losigkeit und der vielen Sozialhilfeempfänger sei dieser Stadtteil oft als sozialer Brennpunkt im Gespräch. "Das kann nicht so bleiben", sagt Saxe. Besonders da auch der städtische Haushalt durch die sozialen Ausgaben extrem beeinflußt wird, sei eine Entlastung durch geeignete Maßnahmen wünschenswert.

Besuch war erfolgreich

Es habe nicht nur Spaß gemacht, sondern sei auch äußerst positiv gewesen, bewertet der Bürgermeister seinen Besuch in Moisling. "Es war eine Möglichkeit, den Bürgermeister kennen- zulernen - wann hat man sonst die Gelegenheit", urteilt etwa ein Besucher der Sprechstunde.

Und auch Lienhard Böhning fand die Aktion sinnvoll. "Er hat zumindest punktuell einen Eindruck vom guten Vereinsleben und von der hervorragenden Zusammenarbeit der Sozialeinrichtungen bekommen", so Böhning. Allerdings hätte er sich gewünscht, der Bürgermeister wäre an einem Freitag gekommen und hätte die Bürgersprechstunde auf dem Markt- platz abgehalten. "Die Moislinger sind spontane Menschen", weiß er nach 20jähriger Wohn-erfahrung. "Sie planen nicht - auch nicht, wenn der Bürgermeister im Freizeitheim auf sie wartet."

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