Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 19. April 2019

Ausgabe vom 22. August 2000

"Theater bringt Jung und Alt zusammen"

Im Gespräch:Reinhard Göber, Oberspielleiter des Schauspiels

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Theater bedeutet für ihn das Leben:Reinhard Göber stürzt sich mit aller Kraft in seine Aufgabe als Oberspielleiter des Lübecker Schauspiels. Nach zwölf Jahren hat der 40jährige erstmals wieder eine feste Position übernommen. Und mit seiner Inszenierung von Bert Brechts "Baal" wird die Kammerspiele-Saison des neuen Intendanten Marc Adam eröffnet.

Göbers Weg war anfangs davon geprägt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Der Urberliner gründete als 16jähriger an seiner Schule ein Kabarett - und erhielt Berufsverbot, "als Amateur!", weil er sich nicht einer Zensur beugen wollte.

Als Mitglied einer Punk-Band blieb er in der Opposition, machte Abitur und jobte fünf Jahre, bis er endlich einen Studienplatz an der Humboldt-Universität für Theaterwissenschaft bekam.

"Nur nicht nach Parchim"

Inzwischen hatte er allerdings schon anderthalb Regieassistenten-Jahre in Erfurt absolviert. 1987, mit 27 Jahren recht spät für DDR-Verhältnisse, war er fertig. Dafür verfügte er, auch durch Studententheater, über reichlich Praxis. "Ich gehe über-all hin, bloß nicht nach Parchim!" hatte er sich während seines Studiums gesagt. Das spannendste DDR-Theater in jenen Tagen wurde jedoch in der Provinz - von Frank Castorf in Anklam - gemacht. Warum also nicht doch nach Parchim?

Reinhard Göber reiste dorthin, wollte sich als Dramaturg mit Regie-Verpflichtung verdingen. Da kam unvermittelt die Offerte, als Oberspielleiter einzusteigen. "Ich wußte, daß die Be- dingungen dort hart waren, aber es interessierte mich, etwas aufzubauen."

Den Schulkameraden Leander Hausmann und viele andere seiner Generation, die inzwischen in Deutschland Karriere gemacht haben, holte er sich. Sie legten eine aufregende Saison hin. Göbers klare Haltung aber ließ ihn eine Konsequenz ziehen:1988, nach einer Spielzeit, ging er in den Westen.

Wieder ein Neuanfang. In München machte er Kellertheater, bekam schnell weitere Regie-Angebote, vor allem im Ruhrgebiet. Zwischendurch ging er mit einer eigenen Truppe "ins deutschsprachige Exil nach Luxemburg". Göber hat sich langsam aber stetig einen Namen als Regisseur gemacht. "Es ist besser, Theaterleute entwickeln sich und sammeln auf jeder Stufe Erfahrungen. Nun bin ich vierzig und kann nicht mehr vermarktet werden." Also akzeptierte er den Drei-Jahres-Vertrag von Marc Adam.

Im Bewußtsein, daß Lübeck zwar "nicht die theatralische Hauptstadt" ist, daß aber "die Provinz Druck machen muß auf die Zentren", damit sich das Theater erneuert, setzt Göber seine Hoffnungen auf das Lübecker Publikum - und natürlich auf seine Mannschaft: "Ein Teil der Truppe hier hat schon vor acht Jahren mit mir zusammengearbeitet." Das Ensemble mit einer "großen Bandbreite der Generationen" wird gefordert: "Es ist nur halb so stark wie Ende der 60er Jahre, aber wir bringen dieselbe Zahl an Produktionen."

Göber möchte gern an die interessanten 20er Jahre im Lübecker Schauspiel anknüpfen - und ist sich dabei des "Risiko-Starts" am 23. und 24. September bewußt: Zwischen Bert Brechts Erstling "Baal" und Albert Ostermaiers "The Making Of. B-Movie" liegen acht Jahrzehnte - aber beide Werke behandeln das Thema des Individuums, des Außenseiters in sei- ner Zeit. Diese Koppelung im selben Ambiente "hat ihre Logik". Göber kennt sich "bei Brecht gut aus". Zwar glaubt er "nicht mehr an politisches Theater - aber wenn Theater unpolitisch wird, ist es nicht mehr interessant."

Allerdings:Im subventionier-ten Theater hat auch der Spaß seinen Stellenwert. Der Spielplan 2000/2001 weist ihn aus. Göber führt Regie dann bei Goethes "Die Mitschuldigen" (Premiere im Oktober), diesem "Kleinod einer lustvollen Boulevard- Komödie".

Der neue Oberspielleiter des Lübecker Schaupiels - Göber ist der erste auf dieser Position seit dem unvergessenen Werner Malzacher - will "Theater machen für interessierte Zuschauer, ob sie 19 oder 90 sind."

Seine vielen Inszenierungen im vergangenen Jahrzehnt zwischen Linz und Hannover sind beim Publikum angekommen, "auch wenn die Klassiker nie ,klassisch' waren". So setzt Reinhard Göber nun auf die Hansestadt Lübeck und das Theater als dem "einzigen Ort, wo noch alle Generationen als Zuschauer zusammenkommen". Güz

ZUR PERSON:

Reinhard Göber: Geboren 1960 in Berlin. 1983-87 Studium der Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität, 1984-86 Leitung des Studentenkabaretts "Die Mansarde". 1987/88 Oberspielleiter am Landestheater Parchim. Seit 1988 Inszenierungen in der Bundesrepublik,

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