Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 25. April 2019

Ausgabe vom 22. August 2000

Was ist Bildung?

Ansichten (2): Bernd Saxe

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Bernd Saxe; Foto: Privat

Nicht wenige Zeitgenossen konstatieren einen Umbruch von der Bildungs- zur Wissensgesellschaft. In einer SZ-Serie nehmen Persönlichkeiten aus der Hansestadt dazu Stellung. Heute: Bürgermeister Bernd Saxe.

Der frühere Bundespräsident Roman Herzog sagte 1996 in einer Rede: "Bildung ist mehr als eine Grundausstattung für das Leben; sie ist persönlicher und gesellschaftlicher Dauerauftrag mit Anforderungen an jeden Bürger und an die Vermittler von Bildung gleichermaßen." Roman Herzog gibt die hier seit der Aufklärung geltende Leitlinie des Humanismus wieder, die die Emanzipation des Menschen von seiner Umwelt zum Gegenstand hat. Teil dieser Emanzipation ist aber gleichzeitig die Übernahme von Verantwortung für die Gesellschaft. Dabei ist der Kern der Emanzipation die Bildung des Einzelnen, so daß nicht von ungefähr die Bildung zum Menschenrecht erklärt wurde.

Abgeleitet aus dem demokra-tischen Leitbild der Gleichheit, die nicht Gleichheit im Ergebnis meint, sondern Gleichheit der Chancen, steht die demokra-tische Gesellschaft in der Pflicht, dem Menschen unabhängig von Status, Herkunft, Religion und Einkommen den Zugang zur Bildung zu ermöglichen.

Bildung ist die Klammer zwischen den beiden anderen, vermeintlich gegensätzlichen demokratischen Leitbildern, dem der Freiheit und dem der Solidarität. Bildung ist einerseits das Instrument, um überhaupt die Freiheit nutzen zu können, den eigenen Ort in der Gesellschaft selbst bestimmen und gestalten zu können. Andererseits schafft Bildung ein Bewußtsein für Gemeinsinn; getragen von der Erkenntnis, daß jeder einzelne für den Zusammenhalt einer menschenwürdigen und damit lebenswerten Gesellschaft verantwortlich ist, in der die Starken den Schwächeren helfen, ihre Lebenschancen zu bewahren.

Den Zusammenhalt einer Gesellschaft gänzlich einem allmächtigen Leviathan zu übertragen, hieße, ein Stück Selbstbe- stimmung und gesellschaftliche Gestaltungskraft aufzugeben.

Nicht von ungefähr versuchen totalitäre Regimes immer wieder, den Zugang zur Bildung stark zu reglementieren und ihren Gebrauch als Instrument der gesellschaftlichen Emanzipation zu unterdrücken.

Die Welt wird zunehmend als sehr viel komplexer und ungewisser als zu früheren Zeiten wahrgenommen. Gespeist wird diese Wahrnehmung durch die rasante technologische Entwick-lung und die damit einhergehende Globalisierung. Bislang geltende Denkgewohnheiten und Wissensbestände gelten als untauglich und überholt, neuem Wissen wird nur eine begrenzte Halbwertzeit beschieden. Die Zukunft erscheint diffus.

Einher geht diese Entwicklung bei vielen Menschen mit einer Abnahme des Vertrauens in die eigene Zukunft und ihrem Platz in der Gesellschaft. Wer aber kein Vertrauen in die Zukunft hat, wird keine Anstrengungen unternehmen, in ihr zu bestehen oder etwas für den Erhalt der gegenwärtigen Gesellschaft tun zu wollen. Das heißt, er wird beispielsweise auch keine Investitionen in seine Bildung unternehmen. Dem für den Erhalt der Gesellschaft so wichtigen Gemeinsinn wird so der Boden entzogen. Die Konsequenz ist ein Ausfransen der demokratischen Bürgergesellschaft.

Eine Schlüsselrolle

Um dieser Entwicklung vorzubeugen, nimmt Bildung hier eine Schlüsselrolle ein. Bildung ist und war immer die unabding-bare Voraussetzung, um aus Information Wissen zu erschaffen. Wissen ist die Schlüsselressour-ce des 21. Jahrhunderts. Es gibt einen unbestreitbaren Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und wirtschaftlicher wie kultureller Entwicklung.

Was sich vielleicht geändert hat, ist, daß der einzelne mehr denn je gefordert sein wird, durch Bildung sein Wissen ständig zu aktualisieren. So wie der Hauseigentümer angehalten ist, Investitionen zum Werterhalt seines Hauses vorzunehmen, so ist der Mensch fortan angehalten, den Wert seines Wissens und seiner Fähigkeiten durch Bildung zu erhalten und weiter zu entwickeln.

Die Zukunftsinvestition

Aus diesem Grund kann es auch keinen Gegensatz zwischen Bildung und Wissen geben, wie er bereits vielfach propagiert wird. Vielmehr ist die Frage zu stellen, ob wir nicht den Bildungsbegriff für die Zukunft mit Inhalten füllen sollten, die unabhängig von gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Trends Gültigkeit beanspruchen könnten.

Bildung muß vielleicht in der Zukunft mehr denn je dem Grundsatz genügen, die soziale und kommunikative Kompetenz oder die Fähigkeit zu lebenslan-gem Lernen zu fördern.

Bildung ist eine Zukunftsinvestition. Sie gibt dem Menschen Vertrauen in die eigene Zukunft, indem sie ein Instrument ist, das zur Toleranz und Weltoffenheit erzieht und ihm die Möglichkeit eröffnet, selbstbestimmt seinen Weg in der Zukunft zu finden.

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