Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. April 2019

Ausgabe vom 22. August 2000

"Der Waldboden ist voller Leben"

Pilze als Teil der Natur begeistern Erhard Sacher

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Hände weg vom eßbaren Perlpilz - er ist zu leicht mit giftigen Pilzen zu verwechseln; Foto: M. Rulfs

Seit drei Jahren bietet Erhard Sacher im September und Oktober im Museum für Natur und Umwelt eine Pilzberatung an. Der 61jährige Frührentner ist Naturliebhaber und Pilzkenner von Kindheit an. "Mein erstes Pilzbuch war winzig und steckte in meiner Schultüte", erinnert er sich. "So lange kenne ich diesen Wald schon."

Sacher wird häufig von den Medien gefragt, ob er etwas über Pilze erzählen kann. "Letztes Jahr wollte das Fernsehen mit mir im Wald drehen, aber da war es so trocken, daß es einfach keine Pilze gab - und zaubern kann ich sie ja auch nicht!" In diesem Jahr sieht es anders aus: "Wegen der Feuchtigkeit und der schwülen Wärme haben sich schon sehr früh deutlich mehr Pilze gezeigt als sonst." Schon Mitte August kann er auf einem Rundgang durch den Wald eine Vielfalt von Pilzen zeigen, die sogar ihn überrascht.

30 Arten in einer Stunde

In nur einer Stunde findet er dreißig verschiedene Arten, zum Beispiel den Netzstiligen Hexenröhrling, der die Linden mag, die hübsche Schmetterlingstramete, ein häufiger Pilz auf totem Holz, den ungenießbaren Buchenspeitäubling, den giftigen Grünblättrigen Schwefelkopf, den als giftig geltenden Kahlen Krempling, die interessante Steife Koralle und den seltenen Rotbraunen Erdstern. Es gibt auch schon beliebte Speisepilze: Ein erster winziger Pfifferling schiebt sich aus dem Waldboden, zwei alte Steinpilze stehen unter einer Buche. Sacher zeigt, woran man erkennt, daß sie bereits Sporen verbreiten können: Ihr Fruchtkörper oder Schirm ist nach oben gebogen. "Diese Pilze sollte man stehenlassen, damit sie sich vermehren können."

An einer Stelle gibt es so viele Maronen, daß Sacher weiß, daß dieses Jahr hier noch niemand in den Pilzen war. Von oben kann man die kräftigen dunklen Pilze mit Steinpilzen verwechseln. "Aber man erkennt Maronen an den gelblich-grünen Röhren, die sich blau verfärben, wenn man leicht auf sie drückt." Sacher warnt vor einem hellen Pilz mit dunklem Muster, den es in großer Zahl gibt: "Mit dem Perlpilz muß man sich ganz sicher sein, und das ist schwer - zu leicht läßt er sich zum Beispiel mit dem stark giftigen Pantherpilz verwechseln."

Für Sacher steht nicht das Essen der Pilze, sondern die Liebe zur Natur im Vordergrund. Er freut sich über den Waldboden voller Leben, über eine kleine Kröte, über üppigen Farn, zartlila Glockenblumen und hellgrün leuchtenden Sauerklee. Ihm gefällt der Trend weg von der Monokultur der Fichtenwälder hin zu einer naturnahen Waldwirtschaft, bei der nur ab und zu ein einzelner Baum gefällt wird, das Unterholz wächst, wie es will, alte Stämme vermodern und der Wald einem Urwald immer ähnlicher wird.

Maronen über Maronen - da dreht Sacher sich ein paar ab, um sie zusammen mit seiner Frau zu genießen. Ein letzter wichtiger Rat, um das unterirdische Myzelium, das Pilzgeflecht, nicht zu verletzen: "Nie die Pilze einfach rausreißen, sondern sie herausdrehen oder mit dem Messer abschneiden!"

Die Pilzberatung im Museum für Natur und Umwelt hält Sacher im September mittwochs und sonnabends von 15 bis 17 Uhr ab, im Oktober von 15 bis 16 Uhr. "Die meisten wollen wissen, ob ihre Pilze eßbar sind. Aber manchmal kommen auch Leute, die mehr wissen wollen - dann wird es auch für mich richtig interessant."

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